Montag, 3. Oktober 2022

Taqueté - 25. September 2022

Surft man in der weiten Welt des Internets, so findet man immer wieder Gewebebeispiele in "turned taqueté", d.h. Einzug und Trittfolge des ursprünglichen Taquetés wurden vertauscht/gedreht. Dass dies gute Gründe hat wird später ersichtlich.

Weitere Namen für Taqueté sind: schussverstärkte Leinwandbindung, weft-backed weave oder double weft weave (Warp and Weft - Eriksson, Gustavsson, Lovallius), weft-faced compound tabby (Pattern and Loom - John Becker).  Aha, Taqueté hat also zu tun mit Leinwandbindung und der Schuss spielt wohl auch eine Rolle!

Beim Taqueté handelt es sich um eine Bindung mit sehr hoher Schussdichte, die z.B. sehr gut geeignet ist für Teppichgewebe. Es werden zumeist zwei Schussfarben verwendet, so dass die beiden Gewebeseiten zueinander wie Tag und Nacht sind. Die beiden Seiten zeigen Muster, die positiv und negativ zueinander sind. Das Wort "Muster" weist schon darauf hin, dass es sich um Partiengewebe handeln kann, bzw. um "eingelesene" Muster. Fangen wir erst einmal mit einer Partie an, um zu verstehen, wie Taqueté grundsätzlich funktioniert. Die Kette besteht aus zwei Kettsystemen mit jeweils unterschiedlicher Funktion:

System 1, die Bindekette, die auf den Schäften 1 und 2 eingezogen wird (hellgrau)
Würde man nur die Bindekette einziehen (Kettfäden 41 bis 50) und die Tritte 1 und 3 abwechselnd treten, so ergäbe sich eine reine Leinwandbindung.

System 2, die Musterkette, die auf  Schaft 3 eingezogen wird (dunkelgrau)
Die Kettfäden der Musterkette bestimmen nun, welche der beiden Schussfarben auf der Gewebeoberseite und welche auf der Gewebeunterseite flottieren. Ist der Schaft gesenkt, so flottiert der Schuss auf der Gewebeoberseite, ist der Schaft gehoben, so flottiert der eingetragene Schuss auf der Gewebeunterseite.

Schuss 1: Schaft 3 ist gehoben, der dunkle Schuss (Musterschuss 1) flottiert also auf der Gewebeunterseite
Schuss 2: Schaft 3 ist gesenkt, der helle Schuss (Musterschuss 2) flottiert also auf der Gewebeoberseite
Beide Musterschüsse werden durch die Bindekettfäden auf Schaft 2 angebunden.

Schuss 3: Schaft 3 ist gehoben, der dunkle Musterschuss flottiert wieder auf der Gewebeunterseite
Schuss 4: Schaft 3 ist gesenkt, der helle Musterschuss flottiert wieder auf der Gewebeoberseite
Beide Musterschüsse werden jetzt durch die Bindekettfäden auf Schaft 1 angebunden.


Die 3er-Flottierungen der hellen Musterschüsse auf der Gewebeoberseite schieben sich über die 1er-Flottierungen der vorhergehenden dunklen Musterschüsse. Dies wird noch dadurch unterstützt, dass die nachfolgenden dunklen 1er-Flottierungen gegenbindig zum vorhergehenden Schuss sind und diese zusätzlich schieben. Dadurch ergeben sich zwei nahezu einfarbige unterschiedliche Gewebeseiten

Wird die Trittfolge beibehalten und ein Farbwechsel durchgeführt kehrt sich die Farbfolge um. Nun flottieren die dunklen Musterschüsse auf der Oberseite und die hellen auf der Gewebeunterseite. Die Bindekettfäden  sind als Bindungspunkte zu sehen. Die Musterkettfäden auf Schaft 3 werden vollkommen abgedeckt, laufen einfach glatt zwischen Gewebeober- und -unterseite hindurch, sie greifen nicht aktiv in die Bindung ein, dienen einzig und allein der Steuerung der 3er-Flottierungen: Senkung = flottiert auf der Oberseite, Hebung = flottiert auf der Unterseite.
 
In der Literatur wird angeführt, dass die Musterkettfäden daher gerne schlapper werden und dies entsprechend ausgeglichen werden muss (z.B. durch einen zweiten Kettbaum). Auch kann man lesen, dass die Bindekettfäden gerne dünner gewählt werden und die Musterkettfäden etwas dicker, damit diese die 3er-Flottierungen volumenmäßig unterstützen. In unsreren Beispielen sind alle Kettfäden gleich dick.
 

Eine weitere Möglichkeit einen Farbwechsel herbeizuführen wäre noch ein Wechsel der Trittfolge. Hier bleibt die Abfolge der Musterschüsse gleich. Das hat zur Folge, dass zwei aufeinander folgende Musterschüsse auf der gleichen Gewebeseite entweder 3er- oder 1er-Flottierungen zeigen. Bei nur einer Kettpartie macht dies keinen Sinn. Aber, ... ihr werdet sehen!
 

In den bisherigen Beispielen ist das Fadenverhältnis von Bindekettfaden zu Musterkettfaden immer 1:1. Das bedeutet, dass immer einem Bindekettfaden ein Musterkettfaden folgt. Es gibt auch die Möglichkeit andere Fadenverhältnisse zu wählen, z.B. das Verhältnis 1:2. Hier folgen jedem Bindekettfaden jeweils 2 Musterkettfäden auf einem Schaft. Dadurch werden aus den 3er-Schussflottierungen 5er-Schussflottierungen:


Wie bei allen Geweben kommt es auf das richtige Verhältnis von Kettfaden- und Schussfadenstärken sowie die richtige Kettfadendichte an. Unser erster Versuch ging da schon mal zienlich schief:
 
  • die Kettdichte war viel zu hoch
  • der Schuss zu dünn
  • und zu wenig voluminös
Man konnte das Prinzip zwar nachvollziehen, aber die Abdeckung war alles andere als zufriedenstellend. Und dann tauchte da auch noch der Effekt auf, dass sich oft zwei Musterschüsse scheinbar mehr zusammenschoben und dadurch erst recht keine homogenen Flächen entstanden. Bindungstechnisch konnten wir keine Erklärung dafür finden.
 
Zurück vom Treff wurde die Kettfadendichte bei Verwendung von einem Doppelfaden Baumwolle Nm 34/2 von 8 Fäden auf 5 Fäden je cm reduziert. Für den Schuss fand statt des eher festen Einfach-Wollgarns (Stärke unbekannt) ein weiches Wollgarn Nm 8/2 als Doppelfaden Verwendung:

Das sah doch schon viel besser aus:
Im nebenstehenden Beispiel wurde im unteren Abschnitt jeweils zunächst der helle Musterschuss gewebt und dann der dunkle Musterschuss (entspricht in der Patrone oben: erst Tritt 2 dann Tritt 1), oben dann erst dunkel und dann hell. Ein Unterschied ist kaum auszumachen.
 
Was aber eine weitere Verbesserung brachte war eine nochmalige Verdoppelung der Schussfadenstärke auf einen Vierfachfaden Nm 8/2, was dann einer Stärke von Nm 2 entsprach.

So ist es ja bei allen neuen Geweben, um eine stimmiges Produkt zu erhalten braucht es schon mal etwas länger. Manchmal macht eine Kleinigkeit schon den Unterschied!

Für jede weitere Kettpartie brauchen wir einen weiteren Schaft. Da im folgenden Beispiel auf jedem Tritt jeweils ein Musterschaft auf Hebung und der andere auf Senkung angeschnürt ist zeigen beide Partien jeweils andere Farbigkeiten:


Nur ein weiterer Schaft je zusätzlicher Kettpartie! Da müsste doch vieles möglich sein. Das Wort "müsste" deutet es schon an, dass da irgendwo ein Haken an der Sache ist. Mal sehen:


Wir sehen, der Haken sind die Tritte. Jede Trittpartie benötigt vier neue Tritte! Und wer keinen Dobby-Webstuhl oder einen computergesteuerten Webstuhl hat, kommt da schnell an die Grenzen des Möglichen. In dem obigen Beispiel mit 3 Kettpartien zeigt in den unteren drei Trittpartien jeweils eine Kettpartie dunkle 3er-Flottierungen und die beiden anderen Partien helle 3er-Flottierungen. Durch eine Änderung der Trittfolge kann man sich weitere Tritte ersparen. Machte dies bei nur einer Kettpartie keinen Sinn, ist es hier sehr sinnvoll:


Und dann gibt es noch einen weitere Möglichkeit, Tritte zu reduzieren: das sogenannte "skeleton tie up", auf  Deutsch "Skelett Anbindung". Weiß jemand eine andere Bezeichnung im Deutschen? Und da waren's nur noch 10! Es werden immer 2 Tritte gleichzeitig getreten. Die grauen Kästchen in der Anbindung zeigen an, dass diese Schäfte gar nicht an die Tritte angebunden werden. Die Tritte 1 und 2 steuern also nur die Bindekette auf den Schäften 1 und 2 an, dann benötigt jede Schusspartie nur noch 2 Tritte, mit denen die Musterkettfäden auf den Schäften 3 bis 5 angesteuert werden.


Und hier die dazugehörigen Gewebebilder, rechts die Gewebeoberseite, links die Gewebeunterseite:
 
 
Auch hier können durch Änderung der Trittfolge weitere Schusspartien ins Spiel kommen, so dass die Gewebeoberseite auch mehr dunkle Schusspartien zeigen könnte:
 

 Dann gibt es auch noch die Möglichkeit mit 3 Musterschüssen zu  arbeiten, also mit 3 Farben:
 
 
Um obiges Beispiel zu weben braucht man 10 Tritte, da einige mehrfach sind. Tritt 1 = Tritt 8 und Tritt 15, Tritt 4 = Tritt 11 und Tritt 18, Tritt 7 = Tritt 14, Tritt 9 = Tritt 13, Tritt 10 = Tritt 17, Tritt 12 = Tritt 16
So kann man jedoch die Trittpartien schon mal besser nachvollziehen; die Darstellung mit 10 Tritten wäre eher anstrengend nachzuvollziehen. Ob die Tritte so anzuordnen sind, dass ein flüssiges Treten möglich wäre, habe ich nicht durchgespielt, da ich auch hier lieber das "skeleton tie up" zur Anwendung bringen würde. Damit ist ein flüssiges Treten auf jeden Fall möglich:


Auf der Gewebeoberseite ist in jeder Kettpartie jeweils nur ein Musterschuss/eine Farbe zu sehen, auf der Gewebeunterseite flottieren jeweils die anderen beiden anderen Musterschüsse/Farbe gemeinsam:

 

Schade, dass Marion nicht beim Treff dabei sein konnte. Sie hatte sich nämlich schon einmal mit  Taquetégeweben auseinandergesetzt, welche mit Hilfe sogenannter Nagelschäfte gewebt werden. Dazu hat Hermann Wendlinger aus Wangen im Allgäu ein Buch veröffentlicht. Hier geht es zur Seite des  KUHAtex-Verein e.V., in dem sich der Handwebermeister engagiert:

http://www.handweben.net/

Leider ist die Seite sehr unübersichtlich, es braucht Geduld sich dort durchzuarbeiten. Man kann dort auch einen Kurs zum  Thema besuchen.

Und hier die Links zu zwei Videos zum Nagelschaftweben:
Nagelschaftweben 01
Nagelschaftweben 02

Mit dieser Technik können Muster frei eingelesen und gewebt werden. Gerdas Versuche die Nagelschäfte auf einem ihrer Webstühle ans Laufen zu bringen, waren bislang leider nicht von Erfolg gekrönt. Aber Marion hatte ihr die von ihr gewebten Muster mitgegeben:

 

Das wäre es an dieser Stelle mit dem "echten Taqueté" und wir drehen das Ganze um 90°, die Trittfolge wird zum Einzug und der Einzug zur Trittfolge - im Englischen "turned taqueté" genannt. Links der "echte Taqueté", und rechts "turned taqueté":


Die Farbeffekte werden nun durch Kettflottierungen bewirkt. Gab es vorher zwei Kettsysteme und durch die beiden Musterschüsse auch zwei Schusssysteme, gibt es nun nur noch ein Kettsystem und ein Schusssystem; es kann also mit einem Schützen gewebt werden. Wurden vorher die Schüsse zusammengeschoben und zeichnete sich das Gewebe durch eine hohe Schussfadendichte aus, definiert nun die gewählte Kettfädendichte die Gewebedichte. Hier wird nichts mehr übereinandergeschoben. Die Beispiele, welche ich im Internet gesehen habe und auch die mitgebrachten Gewebe sind in einem ausgeglichenen Fadenverhältnis gewebt worden.

Turned Taqueté wird oft genutzt um Farbmischungen zu gestalten:


Zu guter Letzt noch einige Hinweise und Links zum Thema:

Zwei Artikel in Ornamente-Ausgaben: 05/90  und 05/94

Shaftswitching for Taqueté auf handwovenmagazine.com
Freier Download von einem Artikel von Gisela von Weisz, natürlich mal wieder auf Englisch

Taqueté auf Eva Stossel's Blog

Taqueté bei Maliz auf strick17.blogspot.com

Bericht über die Webmesse 2022 in Schweden bei Maliz
Lustigerweise findet man in Maliz's Bericht über den Besuch der Webmesse 2022 in Halmstadt/Schweden unter anderem auch Fotos von einer Schaftwechseleinrichtung von Nina Floderus. Das Thema scheint wohl in zu sein. Auch Gisela von Weisz (siehe Link zum handwovenmagazine) hat dazu ein Buch geschrieben: Skavtväxling, auf Schwedisch!
Die Technik des Schaftwechselns ist übrigens schon älter. Peter Collingwood, ein britischer Weber mit dem Schwerpunkt Teppichweberei hat das "Shaftswitching"  entwickelt.

Taqueté auf iowaweaver.blog 

Von Summer and Winter zu Taqueté auf weavezine.com
Ein Sampler über 8 Schäfte mit 6 Kettpartien, und ihr ahnt es schon, mit reichlich Tritten
Also etwas für Computersteuerung, Handhebel-Webstuhl oder Klick
Leider funktioniert der Download des wif-Files nicht

Pattern and Loom von John Becker zum Download
Taqueté ab Seite 81

Wie immer viel Vergnügen beim Ausprobieren!