Montag, 10. August 2020

Aus der Färbeküche - 26. Juli 2020

Endlich war es wieder soweit: raus aus dem Homeoffice, hinein in die Farbtöpfe! Und nirgendwo kann man besser färben als bei Marion, gibt es dort doch jede Menge Platz. Das letzte Färben war ja nun auch schon wieder vier Jahre her, kaum zu glauben.

Nachdem wir uns das letzte mal im März gesehen hatten, gab es natürlich auch so viel zu erzählen; bis es dann in die Vollen ging: Auf dem Programm standen sowohl das Färben mit synthetischen Säurefarben als auch mit Pflanzenfarben.

 

Hier nun einiges zum Färben von tierischen Fasern (Wolle und Seide) mit Pflanzenfarben,
am Beispiel der Färbedroge Schilfblüten:

1. Das Beizen der Fasern

Beim Färben mit pflanzlichen Färbematerialien muss die Wolle zunächst gebeizt werden:
Die Metallmoleküle der Beize setzen sich an die Fasern. An diese können nun die Farbmoleküle andocken. Sie gehen eine unlösliche Verbindung ein, man spricht auch von Verlacken. Wie bei Karin Tegeler (klick!) gelernt, verwende ich dafür die moderne Aluminium Kaltbeize nach Johannes Harboth. Sie ist einerseits faserschonend, andererseits umweltfreundlich.

Die gereinigten Wollfasern oder –garne werden 8-12 Stunden in die Beize gelegt und anschließend mit klarem Wasser ausgespült. Das ist notwendig, da sich ansonsten im folgenden Färbebad die Farbmoleküle auch an die nicht mit der Faser verbundenen, schwimmenden Beizmoleküle hängen und zu Boden fallen würden. Für den eigentlichen Färbevorgang stünden somit weniger Farbmoleküle zur Verfügung.

Die gebeizte Wolle kann:

  • sofort zum Färben verwendet werden
  • oder zunächst getrocknet gelagert werden, um schnell Färbewolle griffbereit zu haben.

Bezugsquelle für die Kaltbeize: z.B. das-wollschaf.de (Anleitung liegt bei und ist wirklich einfach)

2. Das Sammeln der Schilfblüten

Der Zeitpunkt der Ernte bestimmt die Farbe, die man erzielen kann. Bei einer frühen Ernte, bevor die Rispen sich rot färben, kann ein sehr intensiver Gelbton gefärbt werden. Will man jedoch Grüntöne erreichen, müssen sich die Rispen erst rot färben.

 

3. Die Färbeflotte ansetzen

Die Schilfblüten werden 1-2 Stunden ausgekocht. Die so entstandene Färbeflotte wird durch ein engmaschiges Netz gegeben, um das Färbematerial heraus zu filtern. Das Material wird in dem Netz eingebunden und kann später beim Färben weiter mit verwendet werden um die Farbausbeute zu erhöhen. Der Einfachheit halber haben wir ohne Netz gearbeitet, und haben die ausgekochten Schilfblüten anschließend heraus gefischt.

Erstaunlicher Weise wird die Färbeflotte rot und die die eingelegten Fasern werden anschließend grün!

4. Das eigentliche Färben

Bevor die Fasern in die Färbeflotte kommen sollten zwei Dinge beachtet werden:

  • die Wolle sollte gut nass sein, es sollte sich keine Luft mehr zwischen den Fasern befinden, welche die Aufnahme der Farbe verhindern könnte
  • die Wolle sollte möglichst die gleiche Temperatur wie die Färbeflotte haben, Wolle verträgt keine starken Temperaturunterschiede, sie neigt dann zum Verfilzen

Die gebeizte und gespülte Wolle also in die möglichst gleichtemperierte Flotte legen und langsam auf max. 90° C hochheizen, solange in der Flotte belassen bis die gewünschte Farbtiefe erreicht ist. Bei manchen Färbedrogen hat die Temperatur der Färbeflotte Auswirkungen auf die Farbe, welche erzielt wird!

Wir haben insgesamt drei Züge gefärbt, 1. Zug 2 Stränge, 2. Zug 2 Stränge und im 3. Zug 1 Strang. Die erzielten Farbtiefen waren recht nah beieinander, so viel Farbstoff war in der Flotte. Zuhause habe ich drei der Stränge weiter gefärbt. Zunächst eine Überfärbung mit Rainfarn und anschließend ein Abdunkeln mit Eisenessig (siehe weiter unten):

 

Im mittleren Bildteil zu sehen sind von links nach rechts:

  • Schilf pur 1. Zug
  • Schilf pur 3. Zug mit Eisenessig abgedunkelt
  • Schilf 2. Zug mit Rainfarn überfärbt und mit Eisenessig abgedunkelt
  • Schilf 1. Zug mit Rainfarn überfärbt
  • Schilf 2. Zug mit Rainfarn überfärbt
  • ein frischer weißer Wollstrank mit dem Rest aus der Rainfarnflotte gefärbt

5. Nachbehandlung

Anschließend sollte die Wolle am besten langsam von alleine abkühlen und dann erst ausgewaschen werden. Oder in einen anderen Behälter mit temperiertem Wasser geben, wenn man noch weiter in der Flotte färben will. Denn nach dem sogenannten „ersten Zug“können noch beliebige weitere folgen, solange noch Färbepartikel in der Flottte sind.

Wir haben insgesamt drei Züge gemacht und es war immer noch „Farbe übrig“. Die Wolle kann anschließend noch in ein saures Essigbad gegeben werden, da Wolle säureliebend ist.

6. Eisenessig oder Eisen-III-Kaltbeize

Über die Verwendung von Eisenessig oder Eisen-III-Kaltbeize hat man eine weitere Möglichkeit auf die Färbung Einfluss zu nehmen. Beide Varianten dunkeln die Farben ab. Die erste Möglichkeit besteht darin, direkt eine andere Beize zu verwenden, nämlich die Eisen-III-Kaltbeize. Die zweite Möglichkeit ist, zunächst auf Kaltbeize AL (Aluminium Kaltbeize) zu färben.

Die Wolle wird aus der Färbeflotte genommen, der Flotte wird nach Wunsch Eisenessig zugegeben, und die Wolle nochmals für solange eingelegt, bis die gewünschte Farbe erreicht ist. Allerdings verliert die Wolle etwas an Weichheit😩.

Der Eisenessig kann wie folgt hergestellt werden: Eine Handvoll Eisennägel (unbeschichtet) oder besser Stahlwolle in ein Schraubglas geben, 10 ml Essigessenz zugeben, mit klarem Wasser auffüllen und stehen lassen. Ist ein rostiger Niederschlag zu sehen, hat sich Eisen im Essigbad gelöst und der Eisenessig ist verwendbar.

Und hier die andere "Baustelle", das Färben mit Säurefarben:

 

links Agnes Flammenfärbung für ihr nächstes Bildgewebe

Säurefarben liegen zunächst in pulverisierter Form vor. Aus den drei Grundfarben (gelb, rot, blau) und einem Blau-Türkis hatte Marion schon die sogenannten Stammlösungen vorbereitet. 

Mit Pinseln und Spritzen bewaffnet, wurden die Farben auf die Fasern aufgebracht, in Folie eingewickelt, und anschließend im Dampfgarer fixiert. So ist eine gezielte Farbverteilung zu erreichen. 

Will man etwas mehr den Zufall mit ins Spiel bringen kann man auch direkt in einer sogenannten Topffärbung die Farbe aufbringen.


 
 
So wurde es nach und nach immer bunter. Garnstränge, Webketten und Kammzüge wanderten nacheinder in den Topf, bzw. Dampfgarer. Dann ging es in die Wäscheschleuder und ab auf die Leine! Säurefarben werden durch Hitze fixiert. Manche färben auch in der Mikrowelle; die darf dann allerdings nicht mehr für Lebensmittel eingesetzt werden.

Das Fixieren in der Mikrowelle geht zwar vermeintlich schneller, es passt jedoch auch nicht soviel Färbegut auf einmal hinein wie z.B. im Dampfgarer. Professionelle(re) Färber/innen benutzen wohl auch Färbewannen. Da geht natürlich noch viel mehr auf einmal hinein.

 

Wie heißt es doch so schön, viele Wege führen nach Rom! So gibt es auch viele Wege beim Färben mit Säurefarben. Ach ja, Säurefarben heißen sie, weil das Ganze nur im sauren Milieu funktioniert, also z.B. unter Zugabe von Essigessenz. Und Säurefarbe ist dann wohl auch nicht gleich  Säurefarbe. Je nach Anbieter werden die Farben unterschiedlich. Vor allem Rot ist nicht gleich Rot!

Wer mehr darüber wissen möchte: youtube zeigt einem auch hier die Welt:
Färben mit Säurefarben auf youtube

Oder in Buchform das bekannteste Standardwerk:
1000 Farben auf Wolle und Seide

Eines ist auf jeden Fall klar: Vorsicht ist geboten, Färben kann süchtig machen!

Sonntag, 5. April 2020

WeberTreff im Homeoffice - 29. März 2020

Wenn ich mich richtig erinnere, war dies der erste Treff, der nicht stattgefunden hat. Im Zuge der allgemeinen Corona-Einschränkungen konnte auch unser Besuch in der Tuchfabrik in Euskirchen nicht stattfinden. Wir hoffen einfach mal, dass aufgeschoben nicht aufgehoben sein wird.

Statt dessen gibt es auch hier ein paar Bilder aus den Home-Offices! Manchmal gibt es mehrere Bilder zu einem Projekt, manchmal mehrere Projekte,  manchmal sind die Bild gestochen scharf und manchmal geben sie nur einen Eindruck wieder. Egal, das WeberInnen-Auge wird es schon erkennen!


In alphabetischer Reihenfolge:

Annemarie, Handtücher nach Winnie Poulsen (Väv 01.2019) und ein Schwedenstern, oder auch Snowflake/frost crystal
Barbara, Mehrgratköper im spitzen Einzug
Gabriele, links: Gerstenkorn (hier monochrom eingeschossen, Farbverflechtung ist noch in Arbeit)
rechts: cramming and denting Kette nach der entsprechenden Episode aus der Online Guild von Jane Stafford




Jutta, Gerstenkorngewebe mit Fransenrand und Farbverflechtung in Leinwand: 3 dunkel - 3 hell
Karo, "Mutmachschal" in breitem Fischgrat
Kirsten, advances twill = figurierter Köper, als klassisches Halbleinen
Marion, Deflected Double Weave mit selbst gefärbten Garnen, rechts oben Köpervariation
Matthias, Farbverflechtung in einer Kautschukbindung
Mechthild, Handtücher in Cottolin, Leinwand und Köpervariationen
Sabine, was in Blau geht, geht auch in Rot!
Silvia, Köperschal (selbstgesponnene Garne) und Farbverflechtung in Köperbindung
Susanne, Deflected Double Weave
Gerda, Crackle Weave (Handwoven Dezember 2015)

Zu guter letzt dann noch ein kleiner Bericht über eine Folge aus dem Buch: "Es gibt keinen Unsinn, den man  nicht machen kann!": Der eigene Mann schärt eine 23-Meter-Kette für seinen Hollandia-Webstuhl von Louet, doppelt so lang wie sonst üblich. Aber schließlich heiratet das Patenkind im Sommer und da müssen es dann mal ein paar Sternentücher mehr werden.

Was Mann kann, kann Frau auch! Beim Schären der Kette schießt es einem dann plötzlich in den Sinn: der Kettbaum auf dem eigenen Spring-Webstuhl ist viel kleiner; mit den einzulegenden Pappen wird der Kette wahrscheinlich gar nicht auf den Kettbaum passen😕. Die Kette vom Schärbaum zurückwickeln ist keine Option, also wird tapfer weiter geschärt. Irgendeine Lösung wird sich schon finden.

Zur Not müsste man die Kette doch auch nur zur Hälfte aufbäumen und dann abschneiden können, das  Gangkreuz mit vorziehen und den ersten "Kettteil" von dort aus in die Litzen einlesen. Die andere Hälfte müsste von der "Schnittstelle" aus zum oberen Fadenkreuz gehäkelt werden, welches dann beim Aufziehen des zweiten Kettteils sozusagen als Gangkreuz genutzt würde und ebenfalls mit vorgezogen werden müsste. Das müsste doch gehen?!

Oder man hat das Glück, dass der Weber auch noch Tischler ist, und außerdem die richtigen Ideen hat: Bäumscheiben müssen her, dann baut die Kette nicht mehr so hoch und passt in einem Stück auf den Webstuhl:


Zum hoffentlich besseren Verständnis hier die Abfolge der vier notwendigen Bäumlatten:


Die Kettbaum-Schnüre werden nicht mehr an einen Stab gebunden. Jeweils eine Extra-Texolv-Schnur wird an den Kettbaumschnüren befestigt, durch die erste Bäumlatte geführt und mit einem Texolv-Stecker fixiert. Die Kette wird auf die zweite Bäumlatte verteilt, durch welche die Texolv-Schnüre weitergeführt werden. Und auch die zweite Bäumlatte wird wieder mit Texolv-Steckern fixiert.
Damit die Bäumscheiben auf den Bäumlatten frei verschiebbar sind und auch die Kette glatt auf den Bäumlatten zu liegen kommt, können die verbindenden Texolv-Schnüre nicht als Schlingen über die Latten gelegt werden. Die Texolv-Schnüre müssen durch mittige Bohrungen durch die Latten 1 und 2 geführt werden und die Latten entsprechend hoch genug sein, damit die Texolv-Stecker sind anschließend dazwischen legen können. 

Die Latten 3 und 4 werden während der ersten Bäumrunde lose eingelegt. Die Bäumscheibenhälften werden aufgelegt, mittels langer Schrauben (am besten Schlossschrauben) zusammengeführt und fixieren die Latten dann an der richtigen Position.

Beim ersten Mal hat das Ganze schon ein wenig gedauert, aber das spielt sich bestimmt noch ein. Das Aufbäumen selber ging dann rubbeldikatz! Falls jemand nachbauen möchte und noch Fragen dazu hat, bitte einfach per Mail melden.

Und da der Tischler gerade in Aktion war, gab es auch noch einen Spulenhalter für den Webstuhl:


So, das war's erst einmal aus der WeberTreff-Pause. Noch hoffen wir, dass der Wollmarkt in Kuchenheim stattfinden wird. Bis Juni sind ja noch ein paar Tage hin!

Dienstag, 28. Januar 2020

Farbverflechtungen - 26. Januar 2020

Wo simmer denn dran? Aha, heute krieje mer de Farbverflechtung. Also, wat is en Farbverflechtung? Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so: En Farbverflechtung, dat is ene jroße jeordnetes Durcheinander, da kumme von obe und de Seite bunte Fädsche. De eine Fädsche, dat sind de Kettfädsche. Und de andere Fädsche, dat krieje mer später."
Ganz so wie in der "Feuerzangenbowle" war es nicht, aber so ähnlich. Zuerst einmal haben wir uns angeschaut, was keine Farbverflechtung ist:


Links verflechten sich eine einfarbige Kette und ein gleichfarbiger Schuss miteinander. Es entsteht ein monochromes, also rein einfarbiges Leinwandgewebe. Keine Farbunterschiede, keine Farbverflechtung.
In der Mitte verflechten sich eine einfarbige Kette und ein andersfarbiger, ebenfalls in sich einfarbiger Schuss miteinander. Es entsteht ein Leinwandgewebe in einer Farbmischung aus Kette und Schuss, keine Farbverflechtung.
Rechts verflechten sich eine bunt gestreifte Kette und ein bunt gestreifter Schuss miteinander. Es entsteht ein Leinwandgewebe mit unterschiedlichen Farbmischungen, Farbgestaltung also, immer noch keine Farbverflechung.

Hier nun ein erstes Beispiel für eine Farbverflechtung in Leinwand. Für eine Leinwand reichen natürlich auch zwei Schäfte aus. Hier in den Beispielen habe ich sie auf vier Schäfte verteilt:
Erst durch das Aufeinandertreffen von sozusagen "rhythmischen" Farbfolgen sowohl in Kette als auch in Schuss, im Zusammenspiel mit der jeweils verwendeten Bindung entsteht eine sogenannte Farbverflechtung. Die Bindung tritt in den Hintergrund, die farbliche Verflechtung überspielt die eigentliche Bindung und tritt in der Vordergrund.


In dem obigen Leinwand-Beispiel ist die Farbfolge im Schuss durchgehend a-b-a-b.
Links ist die Farbfolge in der Kette ebenfalls a-b-a-b, es entstehen waagerechte Streifen.
Rechts wechselt die Farbfolge in der Kette auf b-a-b-a, es entstehen senkrechte Streifen.
Ändert man nun auch die Farbfolge im Schuss, so werden die Effekte umgekehrt. Diese Farbverflechtung hat auch den Namen "Logcabin", übersetzt "Blockhaus":


Auf den ersten Blick scheint die folgende Farbverflechtung identisch zu sein. Ein zweiter Blick zeigt die Unterschiede. Farbfolge in Kette und Schuss sind hier durchgängig a-b-a-b. Hier werden die Effektwechsel durch eine Umkehrung des Einzuges, bzw. der Trittfolge bewirkt, was natürlich auch Einfluß auf die entstehende Bindung hat. An den Wechseln entstehen jeweils 2er-Flottierungen. Diese Systematik wird beim sogenannten "Shadow Weave" verwendet.


 Hier noch jeweils ein Gewebebeispiel:
                                      Logcabin                                                             Shadow Weave


Zur Anregung noch weitere Farbverflechtungen:



Die Kombination verschiedener Farbfolgen sowohl in Kette als auch in Schuss nennt man "Glencheck". Verläuft über diesem Muster ein zweites kontrastfarbenes Karo, so spricht man vom "Prince of Wales Check". Glenchecks gibt es auch in Köperbindungen und auch in Kombinationen von Leinwand und Köperbindungen. Momentan sind sie wohl mal wieder en vogue! 
Hier in reiner Leinwandbindung:


Aber es gibt ja nicht nur Farbverflechtungen in Leinwandbindung:

Die Worte Pepita und Hahnentritt nehmen wir lieber erst gar nicht in den Mund. Wer recherchiert findet jede Erklärung für jede Farbverflechtung. Was zählt ist letztendlich das Ergebnis, wie auch immer es heißt.



Bei den Strukturbindungen kommt nun noch ein zusätzlicher Faktor mit ins Spiel, die unterschiedliche Webeinarbeitung der Fäden und damit auch das Verhalten der Fäden bei der Nachbehandlung. In längerflottierenden Bereichen können sich die Fäden beim Herunternehmen vom Webstuhl stärker entspannen und auch bei der Wäsche stärker zusammenziehen, wohingegen die Fäden in leinwandbindigen Bereichen wesentlich mehr eingebunden sind, sich nicht so gut entspannen können und dazu noch die Tendenz haben sich in die längerflottierenden Bereiche hin auszudehnen. 
Rechts eine zusammengesetze Bindung.






Die Sterne der folgenden Farbverflechtung, in einer Kautschukbindung, verwandeln sich in dynamische Windräder. Auch dies ist eine Farbverflechtung, die momentan sehr aktuell ist.


Unten in der Mitte ein Beispiel dafür, dass man die eigentliche Struktur eines Gewebes in einer Strukturbindung am besten in einem hellen monochromen Gewebe erkennen kann. Rechts und links ist die Kette in einem starken Helligkeitskontrast eingezogen, das Auge nimmt nahezu nur die Kontraste wahr, die hier das Gewebebild sehr verwirren. Es handelt sich nicht um eine Farbverflechtung:



Hier ein Beispiel für eine Farbverflechtung in der Strukturbindung Schussgerstenkorn:

Links das Bindungsbild (die Struktur), rechts die resultierende Farbverflechtung mit einem Computerprogramm erstellt.
 
Links das Gewebe auf dem Webstuhl, dass noch weitestgehend der Computer-Farbverflechtung entspricht. Rechts das fertige Gewebe nach der Wäsche. Hier hat sich einiges getan. 

Das Zeichnen von Farbverflechtungen, sei es mit einem Computerprogramm oder per Hand auf Papier geben gerade bei Strukturbindungen nicht das tatsächliche Gewebebild des fertigen Gewebes wieder. Manchmal muss man eben doch einfach ausprobieren! Das Beispiel stammt übringens aus folgendem Buch: Tom Knisely Huck Lace Weaving Patterns


Für unseren Treff gehört auch das Deflected Double Weave zu den Farbverflechtungen:


Hier entsteht das "Muster" dadurch, dass sich in diesem Fall Kett- und Schusspartien (hier jeweils 4 Fäden) miteinander verflechten und sich Leinwandpartien, Partien mit ausschließlich Ketthebungen und Partien mit ausschießlich Kettsenkungen bilden. Wer etwas mehr dazu wissen möchte, kann  zum einen unseren Blogbeitrag zum Thema lesen: Deflected double, zum anderen kann man im Haus der Handweberei in Sindelfingen per Mail ein Heft zum Thema anfordern.


Hier noch ein paar mäandernde Farbverflechtungen.
Wir waren der Meinung, dass sie wohl nur mit etwas stärkeren Garnen richtig zur Geltung kommen:

Quadarate gehen auch:

Und auch noch ein paar Beispiele aus einer "Schulmappe":


Helga Jossen vom Verein "Rosengang" hat uns freundlicherweise die Erlaubnis gegeben einen ihrer alten Rundbriefe aus 2013 zum Thema Farbverflechtungen hier online zu stellen: Rundbrief 26
Unseren herzlichen Dank an Helga und ihre Mitstreiterinnen!
Wie oben schon kurz erwähnt, gibt es noch die Möglichkeit, eine Farbverflechtung per Hand zu zeichnen. Hier das Arbeitsblatt, mit dem wir uns vergnügt haben. 
Anleitung in Ruhe durchlesen und befolgen😉: Arbeitsblatt Farbverflechtungen
Das war's dann mal wieder mit der Rückschau auf unseren Treff. Im November gibt es dann  ja die fertigen Gewebe zu sehen. Denn der Treff war ja der Einstieg in unser diesjähriges Jahresprojekt. Mal sehen wer mitmacht. Falls jemand von euch auch Lust hat? Gerne! Zu weit weg zum Kommen? Dann schickt doch einfach Fotos und wir stellen sie mit unseren zusammen im Blog aus!!!

Sonntag, 1. Dezember 2019

Jahresprojekt 2019 - 24. November 2019

Rot, rot, rot sind alle meine Kleider - rot, rot, rot ist alles was wir gewebt!


Wir waren nicht kleinlich und es zählten auch Gewebe, welche nicht in 2019 gewebt wurden. Hauptsache rot! So war nahezu alles dabei, von feiner Seide, Baumwolle und Cottolin, bis hin zu feiner Merinowolle und rustikalem Streichgarn. Neben fertigen roten Garnen wurden sogar Eigenfärbungen eingesetzt. Es gab Schals, Handtücher, Taschen, Jackenstoff, Tischläufer, ein Medaillon in einer kleinen Utensilo-Tasche, einen großen Vorhang, Jostenband und Bildgewebe.
Gewebetechnisch sahen wir Doppelgewebe, einige Köpervariationen, Crackle, Deflected Double, Leinwandgewebe, Eingelesenes am Webrahmen, ... 

Alles wurde ausgiebig erläutert, angeschaut und vor allen Dingen befühlt. Nichts ist schlimmer für WeberInnen, als dass man Gewebe nicht befühlen und von hinten anschauen kann. Kurz erinnerten wir uns an unseren letztjährigen Besuch der Anni-Albers-Ausststellung in Düsseldorf. Da mussten wir schon sehr an uns halten und hätten so manches Mal gerne dahinter geschaut.

Durch Karos Beitrag bei unserem Treff im August, wussten wir ja schon, dass die Farbe Rot sehr komplex ist und von uns sehr unterschiedlich wahrgenommen wird. Wer selber färbt, weiß wie schwierig es ist rot zu färben und nicht immer im eher pinken/blauen Bereich zu landen. Hier noch einige Links zum Thema Rot und Farbwahrnehmung:





Auf jeden Fall waren wir uns einig, dass es in 2020 wieder ein Jahres-Projekt geben soll. Letztendlich fiel die Wahl auf "Farbverflechtungen". So startet dann das neue WeberTreff-Jahr im Januar gleich mit diesem Thema.

Jetzt bleibt uns nur noch, allen eine ruhige Adventzeit und einen guten Start ins neue WeberInnen-Jahr zu wünschen - mit einer kleinen Bandwebeanregung von Gerda!

rechts: Bernd Kasper  / pixelio.de


Montag, 23. September 2019

Crackle, ein Einzug, viele Möglichkeiten - 22. September 2019

Basierend auf dem Buch "Weave Classic Crackle & More" von Susan Wilson, haben wir uns mit den Bindungen beschäftigt, welche mit 4 Schäften möglich sind; zwar nicht alle, aber nahezu alle.

Unter Crackle ist zunächst einmal ein bestimmter Einzug zu verstehen: und zwar ein Einzug in Partien. Auf 4 Schäften können 4 verschiedene Partien eingezogen werden:


  • Die kleinste Einheit innerhalb einer Partie besteht aus 4 Kettfäden (I).
  • Nach einer beliebigen Anzahl von Wiederholungen schließt jeder Block mit einem „incidental“ (o) – Überleiter ab.
Entsprechend den 4 möglichen Einzugspartien gibt es 4 mögliche Trittpartien; und auch hier schließt jeder Block mit einem Überleiter ab. Angebunden wird ein K 2/2. Schauen wir uns zunächst beispielhaft die zweite Trittpartie genauer an:


Gewebt wird mit drei Schiffchen:
Hintergrund 1  (O)            Stärke entspricht der Kettfadenstärke
Musterschuss  (O)            klassischerweise ist der Faden etwas stärker als Kette und Hintergrundschüsse
Hintergrund 2  (O)            Stärke entspricht der Kettfadenstärke
Bei jedem Tritt flottet der Schussfaden in zwei Partien über 3 und unter 1 Kettfaden, und in zwei Partien flottet er unter 3 und über 1 Kettfaden.

Jeweils zwei Partien erscheinen als Musterpartie (Musterschuss und jeweils ein Hintergrundsdchuss flotten lang auf der Gewebeoberseite) und zwei als Hintergrundpartie (jeweils ein Hintergrundschuss flottet lang auf der Gewebeoberseite). Dadurch dass aber jeweils ein anderer Hintergrundschuss lang flottet ergeben sich vier verschiedene Blöcke. In der Bindungspatrone kann man gut sehen, dass jeweils zwei Partien ein quasi gleiches Bindungsbild aufweisen, jedoch jeweils um zwei Schussfäden versetzt sind.


Da es sich um ein Partiengewebe handelt, bietet sich die Verwendung von Bildpatronen an. Bei der Anordnung der Einzugspartien, bzw. den Übergängen von einer zu anderen, ist auf die Einhaltung von abwechselnd gerader und ungerader Schaftbelegung zu achten:
  • längere Flottierungen als 3 werden vermieden
  • für weitere Bindungsmöglichkeiten werden die Leinwandtritte gewährleistet
Springt man z.B. beim Einzug von Partie 1 zu Partie 3,
wird für die ausgelassene Partie ein Überleiter auf Schaft 2 eingezogen.




Bei einem Wechsel von Partie 1 zu Partie 4 habe ich die Wahl es direkt zu tun oder jeweils einenÜberleiter für die ausgelassenen Parteien einzuziehen.

Beide Varianten gewährleisten die Abfolge gerade-ungerade, ergeben jedoch unterschiedliche Gewebebilder.

Der Name Crackle (Craquele, Krakelüre = rissig) leitet sich ab aus dem zufälligen Auftauchen des Musterschusses zwischen den beiden Hintergrundpartien.

Diese Krakelüren erscheinen allerdings nur bei dem von Susan Wilson so genannten klassischem/traditionellem Crackle-Gewebe, bei dem die Trittfolge dem Einzug entspricht; bzw. entsprechende Trittpartien genutzt werden. Die Krakelüren tauchen auf zwischen den beiden Hintergrundpartien, bzw. ab auf die Gewebeunterseite zwischen den beiden Musterpartien:


Eine Trittpartie beginnt und endet mit dem gleichen Hintergrundschuss, so dass beim Wechsel von einer Trittpartie zur nächsten zwei gleiche Hintergrundschüsse aufeinander folgen.

Die Gewebebilder in den Collagen veranschaulichen die Patronen, geben diese jedoch nicht genau in den Fadenzahlen wieder!

Eine Variante, welche Susan Wilson vorstellt ist das Schachbrett. Es werden nur zwei Trittpartien genutzt, Trittpartie 1 und Trittpartie 3 (möglich wären auch 2 und 4). Innerhalb einer Trittpartie werden die Hintergrundfarben vertauscht:


Alle weiteren Bindungsmöglichkeiten sind ein Spiel mit der Trittfolge und zeigen keine typischen Krakelüren mehr!

Warum auch immer spricht sie von der italienischen Trittfolge: jede Trittpartie nutzt drei aufeinander folgende Tritte: 1,2,3 - 2,3,4 - 3,4,1 - 4,1,2 und entsprechend 3 Schiffchen/Farben. Jeweils zwei Partien zeigen zeigen 3er-Flottierungen von zwei Musterschüssen, und zwei Partien weisen nur 3er-Flottierungen eines Musterschusses auf:



Die nächste Möglichkeit ist gegenbindig zu treten: 1,3 - 2,4 - 3,1 - 4,2. Es wird nur noch mit zwei Schiffchen/Schussfarben gearbeitet. Bei weiter Kettstellung und stärkeren Garnen ist eine komplette Abdeckung der Kette möglich. Es entsteht ein Ripsgewebe:



Nun kommen die Leinwandtritte ins Spiel! Als erstes die Trittfolge entsprechend dem Jämtlandsväv (Overshot oder auch Daldräll mit Anbindung). 
Die Trittfolgen sind: Musterschuss, Leinwandtritt 1, Musterschuss, Leinwandtritt 2
Auch hier wird  mit zwei Schiffchen gearbeitet, der Musterschuss gerne etwas dicker. Zwei Partien zeigen 3er-Flottierungen im Musterschuss, zwei nicht:



Bringt man nun Farbe ins Spiel, spricht sie von polychromen Blöcken (nach Snyder 1961). Sie verwendet 4 Farben, die sozusagen rollieren. Was in der vorherigen Trittpartie Leinwandfarbe war wird in der nächsten Trittpartie zur Musterfarbe:




Reizt man die vier Farben in allen Möglichkeiten aus, so ergeben sich 12 Kombinationen:
1,2 - 1,3 - 1,4 - 2,3 - 2,4 - 2,1 - 3,4 - 3,1 - 3,2 - 4,1 - 4,2 - 4,3



Traditionell polychrom nennt sie diese Trittfolge: Zwei aufeinanderfolgende unterschiedliche farbige Musterschüsse wechseln sich jeweils mit den beiden Leinwandtritten ab. Es entstehen vier verschiedene Farbigkeiten: die Flottierungen der beiden Musterschüss vermischen sich, Musterschuss 2 flottet, die Musterschüsse flotten auf der Gewebeunterseite, Musterschuss 1 flottet:



Und weiter geht es mit einer Trittfolge in Anlehnung an Summer and Winter. Zunächst als "single, monochrome":


Als "paired, monochrome":


Und meine Variation als "single, polychrome":




Zu guter letzt noch eine Lace-Variation:




Und wie geht es weiter mit 8 Schäften? 
Crackle klassisch/traditionell, Musterschuss schwarz, Hintergrund 1 rot, Hintergrund 2 rot


Mit geänderter Anbindung:


Diese Vorlage wurde genutzt, um eine amorphe Verteilung der Farbflächen zu erreichen, was in der praktischen Umsetzung zum "turned crackle" führte. Einzug und Trittfolge wurden vertauscht, heißt also bunte Kette und einfarbiger Schuss! Zunächst einmal das Aufbrechen der linearen Abfolge der Partien:


Dann der Austausch von Einzug und Trittfolge (Partiegrößen angepasst):



Wie gesagt, ein  Einzug mit unendlichen Möglichkeiten!
Und hier der Link zu einem kurzen Skript: Kleine Einführung zum Crackle