Donnerstag, 30. November 2023

Moorman-Technik - 26. November 2023

Theo(dora) Moorman war eine englische Weberin. Sie wurde 1907 in Leeds geboren und ist 1990 in England verstorben. Ein kurzer Blick auf ihren Lebenslauf:

1925 - 1928   Central School for Arts and Crafts in London, Webklasse Walter Taylor

1989 - 1930   Heal & Sons Ltd. London - Teppiche und Kissen- und Polsterbezüge

ab 1932         selbstständige Weberin, Hampstead Garden Suburb

2. Weltkrieg   Ministerium für Luftfahrt - Entwicklung eines blickdichten Blendenverschlusses für Kameras

1943 - 1953   Council for the Encouragement of Music and the Arts - Organisation von Wanderausstellungen
                       Vermittlung von Kontakten zwischen KünstlerInnen und Öffentlichkeit

ab 1953         selbständige Weberin, zunächst in Leeds dann in Painswick, Gloucestershire

ab 1966         Mitglied in der Guild of Gloucestershire Craftsmen

1968 - 1982   Lehrreisen in die USA und Kanada, so wie durch das United Kingdom

1969              wird sie Vizepräsidentin der Association of Guilds of Weavers, Spinners and Dyers

1970              wird sie Chairman der Guild of Gloucestershire Craftsmen

1977              erhält sie den "MBE for services to weaving", vergleichbar dem Bundesverdienstkreuz

1985              wird der "Theo Moorman Charitable Trust for Weavers" gegründet

1987             in einer Ausstellung zu ihrem 80. Geburtstag in der Oxford Gallery, werden alle ihre Arbeiten verkauft

Ihre Arbeit für den "Council for the Encouragement of Music and the Arts" brachte auch sie selbst in Kontakt mit den Künsten. Ihr Verständis und ihre Wertschätzung für die Künste wuchsen und entwickelten sich weiter. Bis dahin war sie in ihrem Weberinnenleben damit beschäftigt gewesen Prodkute herzustellen wie Teppiche, Kissen- und Polstergewebe, Vorhänge und Stolen, also reine gebrauchsorientierte Gewebe.  Nun richtete sie ihren Fokus neu aus, hin zum bildlichen Weben. In ihrem Buch "Weaving as an Art Form" berichtet sie von einer Ausstellung französischer Tapisserien im Victoria und Albert Museum im Jahr 1947, welche sie wohl sehr beeindruckt hat. Der Titel ihres Buches, "Weben als eine Form der Kunst" bringt ihr Selbstverständnis als Weberin auf den Punkt.

Wer selber schon einmal an einem klassischen Bildgewebe gearbeitet hat, weiß wie aufwändig diese Webtechnik ist. Das war ihr zu langsam. Es musste doch einen Weg geben frei auf der gesamten Fläche zu mustern, der weniger arbeits- und zeitintensiv war. Zwei Anforderungen stellte sie:

  • Die eingelegten Farbflächen sollten  durch eine Anbinde-Kette an ein Grundgewebe angebunden werden. Die Fäden dieser Kette mussten einerseits fein genug sein, damit sie kaum sichtbar sind, andererseits mussten sie stark genug sein um die Spannungen auszuhalten, denen sie ausgesetzt sein würden.
  • Die Struktur des Grundgewebes musste so gestaltet sein, dass die Schüsse des Grundgewebes, die ja von einer Gewebeseite zur anderen durchgehend eingeschossen werden, unter den eingelegten Musterfäden liegen, so abgedeckt, dass sie nicht durch die Farbflächen durchscheinen und doch ein festes Grundgewebe bilden.

Sie experimentierte auf vielfältige Weise und fand so letztendlich zu der nach ihr benannten "Moorman-Technik". Sie selber war sich gar  nicht sicher, ob sie wirklich etwas Neues entwickelt hatte und führte dabei evtl. archäologische Gewebe aus Peru oder auch skandinavische Webstudios an.

Auf der Seite von Eva Stossel gibt es einen Beitrag Inlay - Moorman Technique. Ganz am Ende des Beitrags steht eine Ergänzung aus 2018: Theo Moormans Inlay-Gewebe werden als Lampas-Gewebe angesehen.

Nun aber endlich zum "praktischen" Teil. Das Grundgewebe arbeitet in Leinwandbindung und wird auf den Schäften 1 und 2 eingezogen. Die Anbinde-Kettfäden arbeiten ebenfalls leinwandbindig und werden  auf den Schäften 3 und 4 eingezogen. Die Stärke der Anbinde-Kettfäden gibt sie mit halber Stärke im Vergleich zu den Grund-Kettfäden an. Sie sehen im Buch jedoch noch wesentlich dünner aus. Gerda hat in ihren Geweben Nähgarn als Anbinde-Kettfäden benutzt.

Das Computerprogramm kann immer nur mit ganzen Schüssen arbeiten, so dass die Musterfäden immer nur durchgehend dargestellt werden können:

In ihrem Buch beschreibt sie noch eine grundsätzliche Variation, bei der auch im Schuss ein zusätzlicher Faden in das Grundgewebe eingeschossen wird, sei es dass dieser eine andere Struktur oder auch einen leichten Farbkontrast zum Grundgewebe aufweist. Sie weist auf die unterschiedlichen Effekte hin, welche dadurch auftreten, benennt sie jedoch nicht näher:


Je nach verwendeten Materialien kann es sinnvoll sein, andere Verhältnisse zwischen der Anzahl Kettfäden für das Grundgewebe und der Anzahl Kettfäden für die Anbindekette zu wählen:


Hinsichtlich des Einlegens der Musterfäden beschreibt Theo Moorman drei unterschiedliche Arten:

  • eingelegte Flächen, die isoliert stehen
  • eingelegte Flächen, die sich zu einem Ganzen ergänzen
  • eingelegte Flächen, die sich überlappen
 

isoliert eingelegte Flächen, mitgebrachte Beispiele


aufeinanderfolgende Flächen, so dass Gesamtflächen entstehen
(Fotos von Theo-Moorman-Geweben, Nigel Morgan)


Für den Fall, dass zwei oder mehr Musterfäden gleichzeitig eingelegt werden schlägt sie folgende Vorgehensweise vor, um ein gleichmäßiges Bild zu erzielen:

Sind die Anbinde-Kettfäden auf Schaft 3 gehoben, so werden die Musterfäden von rechts nach links eingelegt. Sie starten bzw. enden unter aufeinander folgenden gehobenen Anbindekettfäden.

Wenn die Musterffäden die Richtung wechseln und Schaft 4 gehoben ist, starten bzw. enden sie unter demselben gehobenen Anbindekettfaden. Siehe obere Zeichnung.

Werden sie von rechts  nach links eingelegt, so beginnt man mit dem ganz linken Musterfaden, werden sie von links nach rechts eingelegt, so beginnt man mit dem ganz rechten Musterfaden.

Trennen diagonale oder kurvige Linien zwei Musterflächen, werden beide, oder auch mehrere,  Musterfäden entsprechend überlappend eingelegt. Siehe untere Zeichnung.


In einem Youtube-Video habe ich noch eine andere Vorgehensweise gefunden:
The Weaving Workshop - Moorman Inlay

Leider können wir keine Beispiel-Fotos mit eingelegten Flächen zeigen, welche sich überlappen. Von Schacht gibt es ein Video dazu: Weaving with the Theo Moorman Inlay Technique. Auf der Seite von Schacht gibt es auch dieses Webprojekt zur Moorman-Technik: Stained glass wall-hanging. Dort kann man auch schön einen zeichnerischen Entwurf in Buntstiften sehen. Und auch hier kann man das Überlappen gut erkennen: Beispiel für überlappende Flächen.

Auf der Seite von Handwoven findet sich dieses Projekt, mit etwas anderen "Musterfäden" 😉:
Weave a memory

Grundsätzlich neigt die Anbindekette dazu, mit der Zeit schlapper zu werden. Entweder hat man die Möglichkeit eines zweites Kettbaums, um dem entgegen zu wirken, oder man hängt die Bindekette mit Hilfe eines mit Gewichten beschwerten Stabes ab.

Gerda hat ihre Beispiele auf einem Webrahmen mit zwei Gatterkämmen gewebt, und sich dabei an die Anleitung aus dem Buch von Syne Mitchell gehalten (siehe unten). Hier gibt es eine ausführliche Anleitung (leider auf Englisch): Theo Moorman mit zwei Gatterkämmen.

Wie so oft mit Webtechniken, die aus dem englischen Sprachraum  kommen, gibt es leider wenig Informationen auf Deutsch. Es ist natürlich möglich einiges aus Bildern und  Webpatronen zu lesen, das funktioniert ja auch ohne Worte. Dann muss man nur noch wissen, ob ein schwarzes Kästchen in der Anbindung eine Hebung oder eine Senkung darstellen soll 😏.

Hier noch eine Liste mit möglichen Informationsquellen:

  • Syne Mitchell
    Weben - Das Standardwerk für den Gatterkamm-Webrahmen (erhältlich auf deutsch)
  • Karen Searle
    Moorman Inlay Technique for Rigid Heddle Frame Looms (Download möglich)
  • Theo Moorman
    WEAVING AS AN ART FORM (erhältlich über den Buchhandel)
  • Joyce Harter und Nadine Sanders
    Weaving that sings - Variations on the Theo Moorman Technique
    Theme and Variation - More Weaving that sings

So, das war es, auch für das Jahr 2023. Wie gut, dass nach dem WeberTreff auch vor dem WeberTreff ist. In 2024 geht es weiter, inzwischen in unser 15. Jahr! Wir wünschen allen einen friedlichen Advent, immer eine Kette auf dem Webstuhl, und vielleicht sehen wir uns ja mal!



Mittwoch, 23. August 2023

Mal wieder ein Färbetag - 30. Juli 2023

Eigentlich hatte uns Kathrin zu sich nach Witten in ihren Garten eingeladen. Da die langfristigen Wettervorhersagen jedoch auf Regen standen, fand unser Treffen dann in den Seminarräumen ihres Unternehmens statt. Wir hätten es schlechter antreffen können: zwei große Räume und eine großzügige Küche standen uns zur Verfügung, wo wir uns ausbreiten konnten; und das haben wir!

Marion, als erfahrenste Färberin unter uns, setzte in der Küche die Standardlösungen an und half uns auf die Sprünge. Die "Kett-Färberinnen" waren sich einig, ihre Ketten sollten blau werden. Nachdem sie die Ketten entsprechend ihren Farbvorstellungen eingefärbt hatten, wurden diese der Länge nach in Frischhaltefolie eingewickelt, und anschließend im Dampfgarer fixiert.


Als zweite Färbemöglichkeit konnte im Topf mit wenig Wasser gefärbt werden. Hier haben sich Juttas Enkelin und ihre Freundin ausgetobt, beide waren gerade aus Schweden zu Besuch. Und es musste pink sein!

Da nur einige von uns färben wollten, war genügend Zeit und Raum für dies und das: mitgebrachte Webarbeiten wurden besprochen und Susanne berichtete von ihrem Jaquard-Workshop bei Hermann Wendlinger in Wangen im Allgäu. Sie war ganz begeistert von Herrn Wendlinger und seinem umfangreichen Wissen, seinen Tricks und Kniffen, die er sich in langen Weberjahren angeeignet hat. Eine erste Webprobe einer von ihr entwickelten Patrone mitsamt den dafür notwendigen 100 von ihr geschlagenen Karten hatte sie auch dabei. 

Sie hat die Gelegenheit einen Jaquard-Webstuhl mit notwendigem Zubehör zu übernehmen. Aus Platzgründen - wer hat schon die nötige Raumhöhe - wird der Webstuhl im Wülfingmuseum in Lennep aufgestellt werden. Vielleicht wird es ja einen Bericht über den Umzug des Webstuhls geben. Auf jeden Fall ist schon abgemacht, dass unser Treff sie dort besuchen wird!


Kathrin hatte von ihr gefärbte Wollfasern in Grün und Blau dabei. Für einen Farbverlauf hatte sie die entsprechenden Mischungen schon vorab abgewogen (10 Teile blau, 9 Teile blau + 1 Teil grün, 8 Teile blau + 2 Teile grün, ....10 Teile grün). Sie demonstrierte zum einen die Verwendung eines Kammes zum Mischen der Fasern, entschied sich dann doch für das Mischen mit Hilfe einer Handkarde (als Ersatz für ein Blendingboard), um damit sogenannte Rolags herstellen zu können. Hier die Links zu zwei Videos: Rolags bei Fadenfreundin und Rolags bei Flinkhand.

Marion hatte ihre Pin Looms, oder auch Zoom Looms genannt, von CARA-SHEEP dabei. Nach eigener Aussage hätte sie vor einem Jahr noch behauptet, nie im Leben damit weben zu wollen. Ja, so ändert sich manches, wenn man nur offen für neue Erfahrungen ist und nicht alles im Vorhinein kategorisch ablehnt. Inzwischen liebt sie das Arbeiten mit dem kleinen Webgerät. Hier der Link zu einer Einführung durch Chantimanou: Pin Loom bei Chantimanou.

Wie immer war für jede/n etwas dabei. Wenn Faser-Verrückte zusammentreffen, wird es nie langweilig und gibt es immer etwas zu erzählen. Und zu guter Letzt noch ein Gemeinschafts-Bild von allen Färbereien. Leider waren die Farben etwas schwierig einzufangen, vor allen Dingen, als statt des angekündigten Dauerregens dann doch noch die Sonne schien 😉!

Mittwoch, 21. Juni 2023

Wollmarkt in Euskirchen - 04. Juni 2023

Und schon ist er wieder vorbei, der 31. Rheinische Wollmarkt in Euskirchen. Bei schönstem Sommerwetter tummelten sich Groß und Klein auf dem Gelände des LVR Museums Tuchfabrik Müller. Bis in den Ort hinein gab es an zahlreichen Ständen so manches zu sehen und auch für das leibliche Wohl war wie immer gut gesorgt.

Seit 2015 nehmen wir als WeberTreff am Wollmarkt teil. In diesem Jahr hatten wir den Schwerpunkt auf das Weben mit Webrahmen und die verschiedenen Möglichkeiten des Bändchenwebens gelegt. Marion hatte ihren transportablen Ashford-Webstuhl dabei und natürlich durfte auch wie in jedem Jahr der kleine "Klick"-Webstuhl nicht fehlen. Wir haben ihn extra so vorbereitet, dass man an ihm einiges zum Einrichten eines Webstuhls erklären und vor allen Dingen das Weben selber ausprobieren kann. Mit der Unterstützung unseres Animateurs Matthias wurde dieses Angebot begeistert genutzt, um erste Erfahrungen im Weben mit einem Schaftwebstuhl zu machen. Manch eine/r mochte gar nicht mehr aufhören. Der Webvirus ist nicht zu unterschätzen, hat er einen erst einmal gepackt!


Zu finden waren wir dieses mal in der oberen Burg, wo die Temperaturen gut auszuhalten waren. Gerda, als unsere Expertin für das Weben mit Webrahmen, stand den BesucherInnen für all ihre Fragen zur Verfügung. Es gab so manches Aha-Erlebnis. Besonders eindrücklich war Gerda die Freude einer jungen Frau, als diese die Möglichkeiten erkannte, die sich ihr durch den Einsatz eines zweiten Gatterkammes eröffnen. Unser Quartett an den Bändchen-Webgeräten: Barbara, Kathrin, Agnes und Claudia. Sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun und konnten einen kleinen Einblick geben in die große Vielfalt des Bänderwebens.
 
Neben all den unbekannten BesucherInnen gab es natürlich auch viele bekannte Gesichter, die einmal bei uns vorbei geschaut haben um ein wenig zu schnacken. Ruckzuck war der Tag schon wieder vorbei. Wie heißt es so schön: nach dem Wollmarkt ist vor dem Wollmarkt. 
 
Vielleicht sehen wir uns ja dort im nächsten Jahr!

Dienstag, 23. Mai 2023

Rund um den Webrahmen - 26. März 2023

Eine vollkommen neue Welt tat sich uns bei letzten WeberTreff auf, das Weben mit dem Webrahmen, und insbesondere die Verwendung mehrer Gatterkämme. Gerda hatte einige Webrahmen vorbereitet und versuchte uns die unterschiedlichen Webabläufe zu erläutern. Das Wort "versuchte" deutet schon darauf hin, dass ein kurzer Blick darauf nicht genügt. Es braucht intensive Beschäftigung, um sich in die Systematiken einzudenken und diese am Webrahmen umzusetzen. 

Summer and Winter auf dem Webrahmen mit zwei Gatterkämmen
 

Hier Gerdas Gedanken zum Weben auf dem Webrahmen:

Vorstellung des Webens mit einem Webrahmen

Als ich vor fast 40 Jahren wieder mit dem Weben anfing, standen mir mein 40 cm breiter Kircher-Schulwebrahmen, ein 80 cm breiter Kircher-Webrahmen mit Schäften und Untergestell und ein 100 cm breiter Werbrahmen ohne Namen zur Verfügung.

Die Lehre und die Gesellenjahre waren lange vorbei. In einer Weberlehre lernt man zwar einen Webstuhl einzurichten, aber nicht so etwas "Simples" wie einen Webrahmen. So stand ich da und hatte keine Ahnung wie ich vorgehen musste, um eine Kette herzustellen und auf einen Webrahmen zu bringen, und vor allem ohne die richtigen Hilfsmittel zu haben.

Nachdem ich das Weben am Webrahmen verinnerlicht hatte, entstand der erste Webkurs in Herne. Damals hatte ich 7 Webrahmen in 40 cm Breite zur Verfügung .  Alle KursteilnehmerInnen waren begeistert, was mit einem so kleinen Webrahmen alles hergestellt werden konnte: Schals, Kissenbezüge, große Decken, Stolen, Tischsets, Westen und vieles mehr. Es wurden auch die verschiedensten Muster im Kleinformat einfach nur zum Üben erarbeitet: Knüpfen, traditionelles Bildweben, freies Bildweben, Leinenbindung, eingelesener Köper, Handdreher, eingelesene Muster, ...
Mit der Zeit wurden die  Webrahmen breiter und irgendwann kamen auch  Webstühle hinzu.

Webrahmen gibt es in den verschiedensten Größen und Breiten, mit und ohne Standbeine. Ein Webrahmen ist schnell eingerichtet. Meistens ist auch so, dass es maximal zwei längere Webstücke sind, die mit einer Kette abgearbeitet werden können, weil der "Kettbaum" nicht unendlich viel Kette aufnehmen kann. Große Webarbeiten sind auch möglich mit individuellerer Musterung als am Webstuhl, indem mehrere Bahnen seitlich aneinander genäht werden.

Darüber hinaus gibt es einige Möglichkeiten komplexere Muster zu weben als man denkt. In der Literatur sind mir folgende Quellen bekannt:

In der Zeitschrift "Webe mit" gab es in den 1980er und 1990er Jahren mehrere Artikel von Frau  Dr. Ute Mothes über das Weben mit zwei Gatterkämmen. (Bei Interesse bitte per Mail anfragen.)

"Kleidung weben auf dem Webrahmen" von Annerose Wald (Ravensburger Buchverlag)

"The Weaver's Idea Book - Creative Cloth on a Rigid Heddle Loom" von Jane Patrick (Englisch)

"Weben - das Standardwerk für den Gatterkamm-Webrahmen" von Syne Mitchell (Topp Verlag)

"Rigid Heddle Weaving Basics and Beyond" (Ahford,  Englisch)

"Ashford book of rigid heddle weaving" (Ashford,  Englisch)

"Ashford Book of Projects - Volume 1 - Fashion" (Ashford, Englisch)

In älteren Webmagazinen aus den USA gibt es auch etliche Beiträge zu diesem Thema, wo zum Teil sogar drei oder vier Gatterkämme hintereinander gesetzt sind.

auch ein Doppelgewebe ist auf einem Webrahmen mit zwei Gatterkämmen möglich

 
Gründe mit einem Webrahmen zu arbeiten

  • Ein  Webrahmen ist leicht einzurichten
  • leicht zu transportieren 
  • leise beim Weben
  • mit Zusatzteilen vielseitig nutzbar
  • bei Bedarf schnell und leicht wegzuräumen
  • für Probestücke ist der Webrahmen schnell webbereit
  • außerdem kann man ihn auch auf Reisen leichter mitnehmen als einen Webstuhl
 
Wolle, Baumwolle und verschiedene andere Garne sind mit dem Webrahmen gut zu weben, allein Leinen ist problematisch, da dieses, anders als die anderen Garne, nicht elastisch ist.
 
Das Weben mit dem Webrahmen entschleunigt, weil es mehr Handgriffe braucht, um die verschiedensten Muster zu weben. Geduld ist beim Weben eine sehr gute Tugend und hilft weiter.
 
eine kleine Auswahl von Gerdas mitgebrachten Webstücken
 
Außerdem wird das Gehirn gefordert, denn das räumliche Arbeiten wird dabei trainiert, durch das 
Rauf und Runter, das Vor und Zurück des Kammes, und das Links und Rechts beim Bewegen des Schiffchens und Koordinieren mehrerer Schiffchen. 

Leider gibt es in den öffentlichen Schulen kein Fach Handarbeit oder Werken mehr, wo auch das Weben beheimatet wäre. Eingesetzt wird das Weben mit dem Webrahmen in der Therapie und in der Förderschulen der Waldorfschulen.

Zu dem Weben im Therapiebereich ist mir folgende Literatur bekannt:
"Sonderpädagogik praktisch" von Siegfried Klöpfer (Diakonie-Verlag)
"Therapie udrch Handweben" von Klaus Gerhardt (Gustav Fischer Verlag)
"Handweben als Arbeitstherapie" von Johannes Glemnitz (Webe mit Verlag)
 
Soviel zu Gerdas Einführung. Allgemein erfreut sich das Weben mit dem Webrahmen wieder größerer Beliebtheit und wer dabei an altbackene Gewebe denkt, wird schnell eines besseren belehrt. So manche/r findet den Weg zum Weben über das Herstellen eigener Garne mit dem Spinnrad oder der Handspindel.

Und hier noch ein paar interessante Links zum Weben auf Webrahmen:

strick17.blogspot.com
Maliz ist eine begeisterte und inspirierende Weberin, die durchaus neue Wege geht und findet beim Weben, auch mit dem Webrahmen

Ingrid Frank stellt unter anderm den italienischen Webstuhlbauer Matteo Salusso und seine Webrahmen vor, auch Kurse zum  Thema sind bei ihr möglich

Chantimanou kommt urspünglich vom Handspinnen, und hat darüber den Weg zum Handweben gefunden. Sie hat zahlreiche Videos eingestellt, im Bereich des Webens auch viel zum Weben auf dem Webrahmen.

Damit bin ich am Ende zu dem reichlich verspätetem Beitrag zum letzten WeberTreff angelangt. Der reguläre Termin Ende Mai fällt aus, da wir am 04. Juni 2023 auf dem Wollmarkt in Kuchenheim wieder einen Stand haben werden. Ihr findet uns dort in der oberen Vorburg. Vielleicht sehen wir uns ja dort. Dazu passend zum Abschluss das Damastgewebe von Annette, ihre Arbeit zum letztjährigen Jahresthema "Inspiriert durch die Natur":
 
 

Sonntag, 5. Februar 2023

Jahresprojekt 2022 - 29. Januar 2023

"Inspirationen aus der Natur", das war das Thema unseres letzen Jahresprojektes. Das Schöne an solch einem gemeinsamen Projekt ist zum einen die Vielfalt, welche aus derselben Anregung entsteht, zum anderen entstehen Gewebe, die man sonst nicht gewebt hätte. Trotz aller Bedenken, dass das Thema zu weitgefasst sei, konnten wir doch einiges anschauen und vor allen Dingen auch befühlen. Wie sich ein fertiges Gewebe letztendlich anfühlt ist ein wichtiges Kriterium bei der Beurteilung, ob es denn nun gelungen ist oder nicht. Und da gehen die Anforderungen von fest und stabil bis hin zu leicht und fluffig, je nachdem, welchen Zweck es erfüllen soll.

Insgesamt neun Beiträge lagen auf dem Tisch und ein Beitrag steht noch aus. Mechthild hatte gleich zwei sehr unterschiedliche Gewebe mitgebracht. Zum einen ein Seiden-Band in Brettchenweben, zum anderen eine Tasche, auf dem Damastwebstuhl gewebt:

Die Fischkugel im Teich hatte es ihr angetan. Sie wollte Fische in verschiedene Richtung schwimmend und leicht im Schuppenkleid variierend weben. Das ist ihr sehr gut gelungen. Die Anregung hat sie in den Weiten des Internets gefunden. Auszuklamüsern wie diese umzusetzen ist, war die erste Herausforderung. Das eigentliche Weben dann die zweite. Insgesamt 24 Musterbrettchen und jeweils 8 Randkarten waren im Einsatz! Und wenn dann alles fertig eingerichtet ist, und es endlich losgehen kann mit dem Weben,.... dann ist für Mechthild der Spaß vorbei. Ihre größte Freude ist das Verstehen und Vorbereiten, bis hin zu dem Punkt wo alles funktioniert! So unterschiedlich sind die Web-Freuden😉.

Ihr zweiter Beitrag war die Umsetzung einer gelben Rose, welche sie sehr gerne mag. So kann sie nicht verblühen und wird sie auf manchen Einkäufen begleiten. In eine schwarze Kette hat sie gelben Schuss eingetragen und 40 Musterschäfte im Einsatz gehabt. Beide Arbeiten kann man auch als "slow weaving" betrachten. Wie gut, dass wir nicht schnell weben und fertig werden müssen, sondern dass uns das Weben lange Freude bereiten kann. Es kommt auch hier einmal wieder auf die Einstellung an: viel Arbeit oder viel Freude, es liegt an meiner Haltung dazu.

 

Auch viel Freude hatte Gerda mit ihren kleinen Bildwebereien. Ihr Inspirationen fand sie auf Spaziergängen in der Westruper Heide bei Haltern:


In 2017 hatten wir in der Vorbereitung auf das Thema Bildweben diese wunderbaren kleinen Pappwebrahmen entdeckt, die ganz einfach mit einem Stück Pappe hergestellt werden können. Sie passen sozusagen in jede Handtasche. Mit Hilfe von Webnadeln oder anderen längeren Nadeln lassen sich so nette kleine Bilder weben. Durch die Wölbung der Pappe ist es leichter, sich durchzufädeln; es gibt hier ja keine Webfächer.



Den Vogel abgeschossen hat Agnes. Natürlich nur bildlich gesprochen, schließlich sind sie ihr eine große Freude, in ihrem Garten in Königswinter, von dem aus sie auf den Ölberg schauen kann. Und in ihrem Garten ist anscheinend immer recht viel los! Neben Spatz, Drossel, Rotkehlchen, Dompfaff, Meisen und Eule hat sich auch ihre Katze auf der Jagd nach Mäusen ins Bild geschlichen. Und die Maulwurfshügel weisen auch noch auf weitere Gäste in ihrem Garten hin. So konnte sie zwei ihrer großen Lebensfreuden miteinander verbinden, den Garten und das Weben! Mit über 80 Jahren ist sie unsere älteste Weberin und immer auf der Jagd nach neuen Herausforderungen.


Hier die letzte bildhafte Umsetzung einer Inspiration. Das ganze Jahr über habe ich hin und her überlegt, wie ich das Bild der Wildrose umsetzen kann und möchte. Da waren vier Farben im Spiel: Grün für den Hintergrund, Rosa, Weiß und Gelb für die Wildrose. Wie ich es drehte und wendete, es fehlten mir einfach Schäfte und Tritte für die Umsetzung. Das Jahr neigte sich dem Ende zu, und es schien fast so, als ob ich, die ich ja das Projekt angestoßen hatte, keinen Beitrag dazu finden würde (der mich zufrieden gemacht hätte).

Für das neue Programm in 2023 hatte Gerda die „Moorman-Technik“ als Thema vorgeschlagen. Vielleicht könnte das ja ein Weg sein. Bei der Recherche zur Moorman-Technik bin ich dann auf die Seite von Laura Foster Nicholson und ihren Blogbeitrag "Color and Weaving in My Work" gestoßen. Sofort war mir klar, dass ich damit meine Idee umsetzen konnte, und das mit nur 3 Schäften und 6 Tritten. Auf einem 3-bindigen Kettköper als Grundgewebe trägt sie manuell und partiell einen „zusätzlichen“ Musterschuss in 3-bindigem Schussköper ein. Die durchgehenden Schüsse für das Grundgewebe trägt sie mit einem Schützen ein, die zusätzlichen Musterfäden werden wie beim Bildweben zu Puscheln gewickelt und können so genau dort in das Gewebe ein- und wieder hinausgeführt werden, wo es gewünscht wird.

Dabei ist ihre Vorgehensweise wie folgt:
· Sie hebt Schaft 1 und legt, dort wo sie möchte, den Musterfaden ein (Schussköper)
· Sie hebt Schaft 1 und 2 und schießt den Grundschuss ein (Kettköper)
· Sie hebt Schaft 2 und legt, dort wo sie möchte, den Musterfaden ein (Schussköper)
· Sie hebt Schaft 2 und 3 und schießt den Grundschuss ein (Kettköper)
· Sie hebt Schaft 3 und legt, dort wo sie möchte, den Musterfaden ein (Schussköper)
· Sie hebt Schaft 3 und 1 und schießt den Grundschuss ein (Kettköper)

Die Grundschüsse schieben sich unter die Musterfäden, bzw. die Musterfäden schieben sich auf die Grundschüsse. Und damit ist sie absolut frei in der bildlichen Gestaltung des Gewebes. Anders als bei der Moorman-Technik, bei der 5-er Schussflottierungen entstehen, entstehen bei Lauras Technik 2-er Schussflottierungen. Dadurch sind die „Wendestellen“ anschmiegsamer. Und hier meine ersten Umsetzungen der Technik. Wie ihr sehen könnt gibt es ein Original (die Wildrose) und weitere dadurch inspirierte Phantasieblumen. Die kleinen Kreise habe ich noch auf dem Webstuhl nachträglich „eingestickt“. Auch das ist mit dieser Technik möglich! Auf dem Webstuhl lag das Ganze um 90° gedreht.

 
Bei dem Bären habe ich die Musterfäden immer unterhalb des Gewebes abgelegt. So konnte ich sie genauer führen und es gab keine Schlaufen an den Wendestellen. Damit kann ich sogar eine 2-er Schussflottierung zwischen zwei Musterffäden „aufteilen“. Laura Foster Nicholson selber mag die „Schlüppchen“ lieber. Ich selber weiß es noch nicht so genau. Aber es ist gut zu wissen, dass es beide Möglichkeiten gibt. Vor allen Dingen der Bär war eine Wahnsinnsarbeit. Ich hatte mir das Motiv auf Architektenpapier, welches ja transparent ist, aufgezeichnet. Für jeden Musterfaden musste ich das Motiv neu auflegen, um zu entscheiden wo der Faden auf- und abtauchen sollte. Zu Spitzenzeiten hatte ich sechs Musterfäden in Arbeit. Wie man gut sehen kann bin ich hier erst im Laufe der Arbeit auf die Abtauch-Methode umgestiegen. Auf jeden Fall hat mir das Weben viel Freude bereitet. Und ohne das Jahresprojekt wäre ich vielleicht nie auf diese Technik mit all ihren Möglichkeiten gestoßen.


Nun kommen zwei Gewebe, bei denen die Farben Inspiration für die Gestaltung waren. Kathrin liebt die zarten Kirschblüten-Meere im  Frühling. Zu gerne würde sie diese einmal in Japan erleben. Das Tuch hat sie im gleichseitigen Köper 2/2 gearbeitet, mit wenigen kurzen Richtungswechseln im Einzug. Ursprünglich waren keine Querstreifen in Schussrichtung geplant, sie sind spontan am Webstuhl entstanden, wie wir fanden ein gute Eingebung, der sie einfach gefolgt ist. Egal wieviele Überlegungen man sich im Vorfeld macht, bei der praktischen Umsetzung können immer wieder neue Ideen auftauchen. Und oft wünscht man sich dann, dass die Kette doch noch länger hätte sein können.



 
Susannes Gedanken zu ihrer Wolldecke: Mein Thema ist das Meer: "Wellen, Himmel, dazu Kies und Sand". Die Garne habe ich von Reisen, ebenfalls mit dem Bezug zum Meer, mitgebracht. Damit dem meist unruhigen Meer auch im Gesamteindruck Rechnung getragen wird, habe ich zwei Köper K1/3 und K2/2 eingebaut. Hier erfolgte dann zusätzlich nach jeder vierten Schussreihe ein Farbwechsel mit Gratrichtungswechsel. Das Ergebnis ist eine 1,40 m * 1,90 m große Decke, welche ich im aktuellen Winter schon reichlich genutzt habe. Ich freue mich schon auf das nächste Jahresprojekt!
 

 
Charmant hat Ute einige Arbeiten aus ihrem letzten Weberjahr mit in das Jahresprojekt eingebunden. Sie hat das Pferd sozusagen von hinten aufgebäumt: welche Assoziationen im Zusammenhang mit der Natur rufen die Gewebe hervor. Wir waren großzügig und haben es natürlich gelten lassen. Links ein zartes Gänseblümchen-Handtuch in Deflected Doubleweave und rechts ein Regenbogen-Spültuch in Waffelbindung:


Zu guter Letzt Marions Beitrag zum Jahresprojekt. Sie scheint mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet zu sein, hat sie doch schon vor Ausrufung des Themas voll ins "Schwarze" getroffen. Kurzerhand hat sie ihre Schafe mitgebracht, gewebt in Taqueté mit Hilfe von Nagelschäften (siehe Beitrag 09.2022). Na ja, so kann man es auch machen 😏. Aber auch hier sind wir großzügig:

 

Kirsten war zum ersten mal beim WeberTreff dabei. Mit dabei hatte sie ein Schultertuch im selbst entworfenen Schottenkaro. Am nächsten Tag sollte es als Geschenk abgeholt werden und musste noch mit Fransen versehen und auch  noch nachbehandelt werden. Sie hat das Tuch nicht als Beitrag zum Jahresprojekt gewebt. Aber wenn das mal nicht durch eine schottische Heidelandschaft inspiriert worden ist 😉:


 

So waren es dann zehn Beiträge zu unserem Jahresprojekt. Und das nächste Thema wurde auch schon gefunden: Dräll, Dräll, Dräll und Drell! Wer mehr dazu wissen möchte, in 2018 war "Dräll ist nicht gleich Dräll" schon einmal Thema im WeberTreff: klick!


Zu allerletzt noch einige Eindrücke vom Treff selber. Neben regem Austausch gab es natürlich wie immer Schmausen am gemeinsamen Buffet:

 

Und zu allerallerletzt, versprochen, hier noch zwei Zusammenstellungen von den mitgebrachten Schiffchen, Schützen & Co:




Freitag, 25. November 2022

Dies und das - 20. November 2022

Eigentlich wollten wir uns erst am 27. November treffen, und eigentlich sollte das Thema "Rund um den Webrahmen" sein. Manchmal kommt dann doch alles anders. Dass wir den 1. Advent aus unseren Terminplanungen immer heraushalten wollen, hatten wir wohl bei der Planung schlichtweg übersehen. Bzw. war kein Augenmerk darauf, dass der 27. schon der 1. Advent ist. So haben wir uns schon eine Woche früher getroffen und das Thema auf das kommende Jahr verschoben.

Spontanes Thema wurde "Dies und das"! Und es war eine ausgesprochen gemütliche und nette Runde. Jede hatte etwas mitgebracht und das Programm für das kommende Jahr wurde auch schon besprochen. Hier nun dies und das:

Kathrin hat an einem Online-Kurs "Farbe & Struktur" bei Antje Vajen teilgenommen und mehrere Schals mitgebracht:

 
Agnes hatte weihnachtliche Badetücher dabei und sich an den Stubenitzy-Kreisen ausprobiert:


Marion berichtete von einem Kurs beim diesjährigen Treffen der Handspinngilde, "Peruanisch Weben" mit Katharina Vollmerhaus, und hatte auch einen "Darning loom" oder auch "Speedweve" dabei. Ein kleines Utensil zum Flicken von dies und das. Der Darning Loom ist keine neue Erfindung. Gerda hatte dieses Hilfsmittel schon einmal mit; es gehörte ihrer Mutter, und Gerda hatte lange herumgerätselt was es wohl sein könne, bis sie zufällig auf des Rätsel Lösung stieß. Agnes war so begeistert, dass sie gleich zur Nadel griff und den Socken zu Ende stopfte:


Barbara hatte einige Handtücher in Variationen von Blau mitgebracht. Die Kette war aus Cottolin, geschossen hat sie mit unterschiedlichen Materialien, unter anderem mit Tencel. Leider kann man online nicht fühlen, wie unterschiedlich die Gewebe im Griff waren:


Gerda hatte so allerlei dabei: kleine Bändchen, Taschen aus Resten, Schmuck aus kleinen Bildgeweben und ein Auge Gottes. Hier ein paar Links zum Auge Gottes:
Miniworkshop von Lilalu   Ojo de Dios - Green Bird   Es geht auch komplexer!

Auch dabei hatte sie vier Waschlappen nach Syne Mitchell, gewebt mit unterschiedlichen Materialien für die Schlingen (siehe Beitrag Pibiones/Perlweben):


Im September hatten wir uns mit Taqueté beschäftigt, unter anderem mit dem freien Gestalten von Musterungen mit Hilfe von Nagelschäften. Das System von Hermann Wendlinger hatte ja auf Gerdas  Webstuhl nicht funktioniert. Funktioniert hat dann der Umbau auf das System von Gisela von Weisz.

Die beiden Schäfte für die Grundbindung werden nach hinten auf die Schäfte 3 und 4 gelegt. Davor werden die beiden Nagelschäfte platziert um so besser das Wechseln zwischen den beiden Schäften zu bewerkstelligen. 


Beim Taqueté bilden jeweils 2 Bindekettfäden (beim Nagelschaftweben hier auf den Schäften 3 und 4) und 2 Musterkettfäden (bei Nagelschaftweben hier auf den Schäten 1 oder 2) eine kleinste Einheit von immer 4 Kettfäden (hier verdeutlicht durch die grünen Senkrechten). Die beiden Musterkettfäden einer kleinsten Einheit hat Gerda zusammen mit einem Gewicht (4 Unterlegscheiben von zusammen ca. 25 g) nach unten abgehangen. Der Nagelschaft besteht ja nur aus der oberen Schaftleiste. Mit Hilfe einer ausreichend dicken Perle wird das Litzenpaar entweder auf dem Nagelschaft1 oder dem Nagelschaft2 eingehangen. Da, wo die Musterkettfäden beim Schusseintrag gesenkt werden, flottiert der Schuss auf der Gewebeoberseite. Bei Tritt 1 und Tritt 3 werden die Litzen auf Nagelschaft 2 gesenkt, dort flottiert also der rosa Schussfaden auf der Gewebeoberseite. Bei Tritt 2 und Tritt 4 werden die Litzen auf Nagelschaft 1 gesenkt, dort flottiert also der dunkle Schussfaden auf der Gewebeoberseite:

 

Jetzt bleibt uns nur noch, allen eine ruhige Adventzeit zu wünschen! Im neuen Jahr geht es dann weiter mit dem Vorstellen der Arbeiten zum Thema "Inspiriert durch die Natur" und "Schiffchen, Schützen und mehr - wie kommt der Schuss in die Kette"!

Marion S.  / pixelio.de

Montag, 3. Oktober 2022

Taqueté - 25. September 2022

Surft man in der weiten Welt des Internets, so findet man immer wieder Gewebebeispiele in "turned taqueté", d.h. Einzug und Trittfolge des ursprünglichen Taquetés wurden vertauscht/gedreht. Dass dies gute Gründe hat wird später ersichtlich.

Weitere Namen für Taqueté sind: schussverstärkte Leinwandbindung, weft-backed weave oder double weft weave (Warp and Weft - Eriksson, Gustavsson, Lovallius), weft-faced compound tabby (Pattern and Loom - John Becker).  Aha, Taqueté hat also zu tun mit Leinwandbindung und der Schuss spielt wohl auch eine Rolle!

Beim Taqueté handelt es sich um eine Bindung mit sehr hoher Schussdichte, die z.B. sehr gut geeignet ist für Teppichgewebe. Es werden zumeist zwei Schussfarben verwendet, so dass die beiden Gewebeseiten zueinander wie Tag und Nacht sind. Die beiden Seiten zeigen Muster, die positiv und negativ zueinander sind. Das Wort "Muster" weist schon darauf hin, dass es sich um Partiengewebe handeln kann, bzw. um "eingelesene" Muster. Fangen wir erst einmal mit einer Partie an, um zu verstehen, wie Taqueté grundsätzlich funktioniert. Die Kette besteht aus zwei Kettsystemen mit jeweils unterschiedlicher Funktion:

System 1, die Bindekette, die auf den Schäften 1 und 2 eingezogen wird (hellgrau)
Würde man nur die Bindekette einziehen (Kettfäden 41 bis 50) und die Tritte 1 und 3 abwechselnd treten, so ergäbe sich eine reine Leinwandbindung.

System 2, die Musterkette, die auf  Schaft 3 eingezogen wird (dunkelgrau)
Die Kettfäden der Musterkette bestimmen nun, welche der beiden Schussfarben auf der Gewebeoberseite und welche auf der Gewebeunterseite flottieren. Ist der Schaft gesenkt, so flottiert der Schuss auf der Gewebeoberseite, ist der Schaft gehoben, so flottiert der eingetragene Schuss auf der Gewebeunterseite.

Schuss 1: Schaft 3 ist gehoben, der dunkle Schuss (Musterschuss 1) flottiert also auf der Gewebeunterseite
Schuss 2: Schaft 3 ist gesenkt, der helle Schuss (Musterschuss 2) flottiert also auf der Gewebeoberseite
Beide Musterschüsse werden durch die Bindekettfäden auf Schaft 2 angebunden.

Schuss 3: Schaft 3 ist gehoben, der dunkle Musterschuss flottiert wieder auf der Gewebeunterseite
Schuss 4: Schaft 3 ist gesenkt, der helle Musterschuss flottiert wieder auf der Gewebeoberseite
Beide Musterschüsse werden jetzt durch die Bindekettfäden auf Schaft 1 angebunden.


Die 3er-Flottierungen der hellen Musterschüsse auf der Gewebeoberseite schieben sich über die 1er-Flottierungen der vorhergehenden dunklen Musterschüsse. Dies wird noch dadurch unterstützt, dass die nachfolgenden dunklen 1er-Flottierungen gegenbindig zum vorhergehenden Schuss sind und diese zusätzlich schieben. Dadurch ergeben sich zwei nahezu einfarbige unterschiedliche Gewebeseiten

Wird die Trittfolge beibehalten und ein Farbwechsel durchgeführt kehrt sich die Farbfolge um. Nun flottieren die dunklen Musterschüsse auf der Oberseite und die hellen auf der Gewebeunterseite. Die Bindekettfäden  sind als Bindungspunkte zu sehen. Die Musterkettfäden auf Schaft 3 werden vollkommen abgedeckt, laufen einfach glatt zwischen Gewebeober- und -unterseite hindurch, sie greifen nicht aktiv in die Bindung ein, dienen einzig und allein der Steuerung der 3er-Flottierungen: Senkung = flottiert auf der Oberseite, Hebung = flottiert auf der Unterseite.
 
In der Literatur wird angeführt, dass die Musterkettfäden daher gerne schlapper werden und dies entsprechend ausgeglichen werden muss (z.B. durch einen zweiten Kettbaum). Auch kann man lesen, dass die Bindekettfäden gerne dünner gewählt werden und die Musterkettfäden etwas dicker, damit diese die 3er-Flottierungen volumenmäßig unterstützen. In unsreren Beispielen sind alle Kettfäden gleich dick.
 

Eine weitere Möglichkeit einen Farbwechsel herbeizuführen wäre noch ein Wechsel der Trittfolge. Hier bleibt die Abfolge der Musterschüsse gleich. Das hat zur Folge, dass zwei aufeinander folgende Musterschüsse auf der gleichen Gewebeseite entweder 3er- oder 1er-Flottierungen zeigen. Bei nur einer Kettpartie macht dies keinen Sinn. Aber, ... ihr werdet sehen!
 

In den bisherigen Beispielen ist das Fadenverhältnis von Bindekettfaden zu Musterkettfaden immer 1:1. Das bedeutet, dass immer einem Bindekettfaden ein Musterkettfaden folgt. Es gibt auch die Möglichkeit andere Fadenverhältnisse zu wählen, z.B. das Verhältnis 1:2. Hier folgen jedem Bindekettfaden jeweils 2 Musterkettfäden auf einem Schaft. Dadurch werden aus den 3er-Schussflottierungen 5er-Schussflottierungen:


Wie bei allen Geweben kommt es auf das richtige Verhältnis von Kettfaden- und Schussfadenstärken sowie die richtige Kettfadendichte an. Unser erster Versuch ging da schon mal zienlich schief:
 
  • die Kettdichte war viel zu hoch
  • der Schuss zu dünn
  • und zu wenig voluminös
Man konnte das Prinzip zwar nachvollziehen, aber die Abdeckung war alles andere als zufriedenstellend. Und dann tauchte da auch noch der Effekt auf, dass sich oft zwei Musterschüsse scheinbar mehr zusammenschoben und dadurch erst recht keine homogenen Flächen entstanden. Bindungstechnisch konnten wir keine Erklärung dafür finden.
 
Zurück vom Treff wurde die Kettfadendichte bei Verwendung von einem Doppelfaden Baumwolle Nm 34/2 von 8 Fäden auf 5 Fäden je cm reduziert. Für den Schuss fand statt des eher festen Einfach-Wollgarns (Stärke unbekannt) ein weiches Wollgarn Nm 8/2 als Doppelfaden Verwendung:

Das sah doch schon viel besser aus:
Im nebenstehenden Beispiel wurde im unteren Abschnitt jeweils zunächst der helle Musterschuss gewebt und dann der dunkle Musterschuss (entspricht in der Patrone oben: erst Tritt 2 dann Tritt 1), oben dann erst dunkel und dann hell. Ein Unterschied ist kaum auszumachen.
 
Was aber eine weitere Verbesserung brachte war eine nochmalige Verdoppelung der Schussfadenstärke auf einen Vierfachfaden Nm 8/2, was dann einer Stärke von Nm 1 entsprach.

So ist es ja bei allen neuen Geweben, um eine stimmiges Produkt zu erhalten braucht es schon mal etwas länger. Manchmal macht eine Kleinigkeit schon den Unterschied!

Für jede weitere Kettpartie brauchen wir einen weiteren Schaft. Da im folgenden Beispiel auf jedem Tritt jeweils ein Musterschaft auf Hebung und der andere auf Senkung angeschnürt ist zeigen beide Partien jeweils andere Farbigkeiten:


Nur ein weiterer Schaft je zusätzlicher Kettpartie! Da müsste doch vieles möglich sein. Das Wort "müsste" deutet es schon an, dass da irgendwo ein Haken an der Sache ist. Mal sehen:


Wir sehen, der Haken sind die Tritte. Jede Trittpartie benötigt vier neue Tritte! Und wer keinen Dobby-Webstuhl oder einen computergesteuerten Webstuhl hat, kommt da schnell an die Grenzen des Möglichen. In dem obigen Beispiel mit 3 Kettpartien zeigt in den unteren drei Trittpartien jeweils eine Kettpartie dunkle 3er-Flottierungen und die beiden anderen Partien helle 3er-Flottierungen. Durch eine Änderung der Trittfolge kann man sich weitere Tritte ersparen. Machte dies bei nur einer Kettpartie keinen Sinn, ist es hier sehr sinnvoll:


Und dann gibt es noch einen weitere Möglichkeit, Tritte zu reduzieren: das sogenannte "skeleton tie up", auf  Deutsch "Skelett Anbindung". Weiß jemand eine andere Bezeichnung im Deutschen? Und da waren's nur noch 10! Es werden immer 2 Tritte gleichzeitig getreten. Die grauen Kästchen in der Anbindung zeigen an, dass diese Schäfte gar nicht an die Tritte angebunden werden. Die Tritte 1 und 2 steuern also nur die Bindekette auf den Schäften 1 und 2 an, dann benötigt jede Schusspartie nur noch 2 Tritte, mit denen die Musterkettfäden auf den Schäften 3 bis 5 angesteuert werden.


Und hier die dazugehörigen Gewebebilder, rechts die Gewebeoberseite, links die Gewebeunterseite:
 
 
Auch hier können durch Änderung der Trittfolge weitere Schusspartien ins Spiel kommen, so dass die Gewebeoberseite auch mehr dunkle Schusspartien zeigen könnte:
 

 Dann gibt es auch noch die Möglichkeit mit 3 Musterschüssen zu  arbeiten, also mit 3 Farben:
 
 
Um obiges Beispiel zu weben braucht man 10 Tritte, da einige mehrfach sind. Tritt 1 = Tritt 8 und Tritt 15, Tritt 4 = Tritt 11 und Tritt 18, Tritt 7 = Tritt 14, Tritt 9 = Tritt 13, Tritt 10 = Tritt 17, Tritt 12 = Tritt 16
So kann man jedoch die Trittpartien schon mal besser nachvollziehen; die Darstellung mit 10 Tritten wäre eher anstrengend nachzuvollziehen. Ob die Tritte so anzuordnen sind, dass ein flüssiges Treten möglich wäre, habe ich nicht durchgespielt, da ich auch hier lieber das "skeleton tie up" zur Anwendung bringen würde. Damit ist ein flüssiges Treten auf jeden Fall möglich:


Auf der Gewebeoberseite ist in jeder Kettpartie jeweils nur ein Musterschuss/eine Farbe zu sehen, auf der Gewebeunterseite flottieren jeweils die anderen beiden anderen Musterschüsse/Farbe gemeinsam:

 

Schade, dass Marion nicht beim Treff dabei sein konnte. Sie hatte sich nämlich schon einmal mit  Taquetégeweben auseinandergesetzt, welche mit Hilfe sogenannter Nagelschäfte gewebt werden. Dazu hat Hermann Wendlinger aus Wangen im Allgäu ein Buch veröffentlicht. Hier geht es zur Seite des  KUHAtex-Verein e.V., in dem sich der Handwebermeister engagiert:

http://www.handweben.net/

Leider ist die Seite sehr unübersichtlich, es braucht Geduld sich dort durchzuarbeiten. Man kann dort auch einen Kurs zum  Thema besuchen.

Und hier die Links zu zwei Videos zum Nagelschaftweben:
Nagelschaftweben 01
Nagelschaftweben 02

Mit dieser Technik können Muster frei eingelesen und gewebt werden. Gerdas Versuche die Nagelschäfte auf einem ihrer Webstühle ans Laufen zu bringen, waren bislang leider nicht von Erfolg gekrönt. Aber Marion hatte ihr die von ihr gewebten Muster mitgegeben:

 

Das wäre es an dieser Stelle mit dem "echten Taqueté" und wir drehen das Ganze um 90°, die Trittfolge wird zum Einzug und der Einzug zur Trittfolge - im Englischen "turned taqueté" genannt. Links der "echte Taqueté", und rechts "turned taqueté":


Die Farbeffekte werden nun durch Kettflottierungen bewirkt. Gab es vorher zwei Kettsysteme und durch die beiden Musterschüsse auch zwei Schusssysteme, gibt es nun nur noch ein Kettsystem und ein Schusssystem; es kann also mit einem Schützen gewebt werden. Wurden vorher die Schüsse zusammengeschoben und zeichnete sich das Gewebe durch eine hohe Schussfadendichte aus, definiert nun die gewählte Kettfädendichte die Gewebedichte. Hier wird nichts mehr übereinandergeschoben. Die Beispiele, welche ich im Internet gesehen habe und auch die mitgebrachten Gewebe sind in einem ausgeglichenen Fadenverhältnis gewebt worden.

Turned Taqueté wird oft genutzt um Farbmischungen zu gestalten:


Zu guter Letzt noch einige Hinweise und Links zum Thema:

Zwei Artikel in Ornamente-Ausgaben: 05/90  und 05/94

Shaftswitching for Taqueté auf handwovenmagazine.com
Freier Download von einem Artikel von Gisela von Weisz, natürlich mal wieder auf Englisch

Taqueté auf Eva Stossel's Blog

Taqueté bei Maliz auf strick17.blogspot.com

Bericht über die Webmesse 2022 in Schweden bei Maliz
Lustigerweise findet man in Maliz's Bericht über den Besuch der Webmesse 2022 in Halmstadt/Schweden unter anderem auch Fotos von einer Schaftwechseleinrichtung von Nina Floderus. Das Thema scheint wohl in zu sein. Auch Gisela von Weisz (siehe Link zum handwovenmagazine) hat dazu ein Buch geschrieben: Skavtväxling, auf Schwedisch!
Die Technik des Schaftwechselns ist übrigens schon älter. Peter Collingwood, ein britischer Weber mit dem Schwerpunkt Teppichweberei hat das "Shaftswitching"  entwickelt.

Taqueté auf iowaweaver.blog 

Von Summer and Winter zu Taqueté auf weavezine.com
Ein Sampler über 8 Schäfte mit 6 Kettpartien, und ihr ahnt es schon, mit reichlich Tritten
Also etwas für Computersteuerung, Handhebel-Webstuhl oder Klick
Leider funktioniert der Download des wif-Files nicht

Pattern and Loom von John Becker zum Download
Taqueté ab Seite 81

Wie immer viel Vergnügen beim Ausprobieren!