Donnerstag, 20. August 2026

Besuch im Wülfingmuseum - 26. Juli 2026

12 Jahre war es schon her, dass wir als WeberTreff zum ersten mal im Wülfingsmuseum (klick!) in Radevormwald zu Besuch waren: Im Wülfingmuseum 2014. So einiges hat sich dort getan in der Zeit.

Aufhänger für unseren Besuch im Museum war Susannes Jaquard-Webstuhl, den sie dort aufstellen konnte; denn wer hat schon privat den Raum zur Verfügung, der dafür benötigt wird. Aber dazu später mehr. Erst einmal begrüßte uns unser Museumsführer, der uns sehr unterhaltsam durch die Geschichte der Tuchfabrikation geleitete, welche bereits in 1674 gegründet wurde. Egal zu welchem Aspekt der Führung, immer hatte er mindestens eine nette Anekdote zur Hand, welche die zurückliegende Geschichte für uns sehr lebendig gemacht hat.

 

Die Gestaltung einer Kollektion ist die Aufgabe der sogenannten Dessinatur. Welche Farben, Garne, Muster, Schnitte werden in den kommenden Saisons aktuell sein? An diesen Aufgabenstellungen hat sich bis heute nichts geändert. In der Dessinatur ist man der aktuellen Zeit immer schon weit voraus, zwei Jahre um genau zu sein. Man muss den richtigen Riecher für den Trend haben😉! 



In einer eigenen Kammgarnspinnerei wurden die benötigten hochwertigen Kammgarne hergestellt. Von der Faser bis zum fertigen Stoff, alles kam sozusagen aus einer Hand. Um ein hervorragendes Endprodukt herzustellen zu können, waren zahlreiche Zwischen-Prüfungen notwendig um die gewünschte Qualität zu gewährleisten: Wollprüfung (Wollfasern), Garnprüfung, Farbprüfung (z.B. Farbwirkung unter verschiedenen Lichtarten),  und zuletzt die Stoffprüfung: 



Die Geschichte der Tuchfabrik Johann Wülfing & Sohn reicht von 1674 bis 1996, umfasst also einen Zeitraum von mehr als 300 Jahren! Die industrielle Revolution und die damit einhergehende Technisierung (gerade auch in der Weberei) brachte auch in dem kleinen Ort Dahlerau an der Wupper tiefgreifende Veränderungen mit sich. Wurde zunächst allein die Wasserkraft der Wupper genutzt, kam um 1834 eine erste Dampfmaschine (ca. 50 PS) zusätzlich zum Einsatz. Die heute zu besichtigende Dampfmaschine (ca. 400 PS) wurde im Jahr 1891aufgestellt und war bis 1961 in Betrieb. Ab 1950 wurden alle Maschinen nach und nach auf elektrischen Antrieb umgerüstet. 

In der Chronik des Museums ist nachzuvollziehen, dass ab 1815 die Fabrikation beständig ausgebaut und ausgeweitet wurde.  1846 wurden 450 Menschen vor Ort beschäftigt, insgesamt 6.000 Tuche a 30 m wurden im Jahr an 46 Maschinenwebstühlen produziert. 1920 standen 120 Webmaschinen. Für das Jahr 1900 wird eine Jahresproduktion von 30.000 Tuchen a 30 m dokumentiert.

Wohnhäuser für die ArbeiterInnen wurden errichtet und die Dahlerau entwickelte sich zu einem  Fabrikort mit eigener sozialer Struktur. Bis zu 1.000 MitarbeiterInnen wurden dort beschäftigt. Man spricht auch von der Wülfing-Familie und meint damit nicht die Familie des Besitzers, sondern man versteht sich in der Gesamtheit als Betriebsgemeinschaft. Zitat von der Seite des Museums: "Die Hardts kümmerten sich wie Väter um ihre Wülfing-Familie. Kinderbetreuung für arbeitende Mütter, Bildung, gute Ernährung, Sicherheit und Wohlstand waren bei Wülfing schon sehr früh selbstverständlich." 

Wülfing hatte sich im Laufe der Zeit auf hochwertige Stoffe aus Kamm- und Streichgarnen, also Wollgarnen, spezialisiert. Nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich der Zeitgeist. Gefragt wurden Stoffe aus Baumwolle und anderen Materialien. Auch wollte man öfter mal etwas Neues! Es musste also nicht so lange halten und  es durfte nicht so teuer sein. Leitfaden der Firmenleitung jedoch war: "Wir können keine Jeans!" Übersetzt könnte man wohl auch sagen: Wir wollen keine Jeans, sondern das Althergebrachte. Wahrscheinlich wäre eine Umstellung gegen die aufkommende starke Konkurrenz aus Asien auch nicht erfolgreich gewesen. Langen fast 300 Jahren stetigen Auf- und Ausbaus folgten ab ca. 1960 36 kurze Jahre stetigen Niedergangs. Die Zahl der MitarbeiterInnen fiel bis 1980 von 1.000 auf 360 zurück. Zum Zeitpunkt des endgültigen Aus waren nur noch 160 Menschen beschäftigt. Und die Mehrzahl der Webmaschinen ist zur Konkurrenz nach Asien gegangen.


Und wo finden wir denn nun den Jaquard-Webstuhl im Museum? Zum einen auf der großen Ausstellungsfläche. Mit großem Einsatzt ist er dorthin transportiert und aufgebaut worden. Susanne ist im Laufe der Zeit mit diesem Webstuhl um zahlreiche Erfahrungen und vor allen Dingen um enorm viel Fachwissen reicher geworden. Angefangen mit einem Kurs bei Hermann Wendlinger in Wangen im Allgäu, hat sie sich nach und nach tiefer in das Thema eingearbeitet. So blieb keine Frage offen, und auch so manche Geschichte über die Zusammenarbeit mit diesen doch gewaltigen Maschinen wurde erzählt.



Zum anderen sind noch zwei weitere Jaquard-Webstühle im Museum zu finden, und zwar in der Muster-Weberei. Wenn ich es richtig verstanden habe, wurden auf den Jaquard-Webstühlen die Musterproben gewebt, die anschließend auf Schaftwebstühlen umgesetzt wurden. Leider sind sie momentan in der Revision, so dass wir sie nicht in Aktion sehen konnten. In Aktion war dann noch ein Schaftwebstuhl aus den 1920er Jahren, und das mit viele Getöse: 
 


Zum Schluss noch einige Links zum Jaquardweben, die alles viel besser erklären können als wir es hier vermögen:

wikipedia - Jaquardwebstuhl 

Deutschlandfunk - vom Webstuhl zum Computer 

Video: Weben am Jacquard-Handwebstuhl - Sylvia Wiechmann 

damasthandweberei.de - Sylvia Wiechmann 

textilmanufaktur-galz.de - Sirko Galz  (viel Interessantes unter Manufaktur-Geschichten)

handweberei.de - Hermann Wendlinger  (Unendlich Vieles)

Keine Kommentare: